Mittelalterliche Wandmalereien
in der Börde

Überlieferte Schätze einer regionalen Geschichte

DIE MITTELALTERLICHE WANDMALEREI AUS HEUTIGER PERSPEKTIVE

„Aus dreierlei Gründen wird die Malerei (in den Kirchen) gemacht: erstens weil sie der Lesestoff der Laien ist, zweitens, damit der Bau durch solchen Schmuck gezieret wird; drittens damit das Leben der früheren Menschen wieder ins Gedächtnis gerufen wird“.

(Honorius Augustodunensis, 1. Hälfte 12. Jahrhundert, Benediktinermönch, Verfasser theologischer, philosophischer und enzyklopädischer Schriften.)

Diese frühe mittelalterliche Beschreibung des ursprünglichen Stellenwertes und der Wirkung von Wandmalerei ist für uns heute schwer nachvollziehbar. Wir betreten Räume, die über die Jahrhunderte bauliche Veränderungen erfahren und deren Ausstattungen, wie z.B. Gestühl, Emporen, Altäre, sich gewandelt haben. Beginnend mit der Renaissance im 16. Jh. änderte sich oft die Beleuchtungssituation der zumeist dunklen Kirchenräume, indem bestehende Fenster aufgeweitet wurden oder neue hinzukamen. Gravierend waren auch Änderungen der Liturgie im Gottesdienst, insbesondere nach der Reformation. Der meist eher unvollständig und fragmentarisch überlieferte Wandmalereibestand wird heute vom Besucher eher einer losgelösten musealen Betrachtungsweise unterzogen. Dabei gehörten Wandmalereien zur  frühesten liturgischen und künstlerischen Ausstattung des Kirchenraumes und sei es nur in Form von Weihekreuzen, die unmittelbar nach Errichtung des Baues auf die Wände gemalt wurden. Sie waren immer ein wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Kirchen und bildeten zusammen mit der symbolhaften Architektur die Grundlage für das Verständnis der religiösen Botschaft. Mit der Ausmalung wurde das biblische Wort zum Bild und lieferte dem Menschen, als Gegenpol zu ihrem oftmals von Gewalt, Hunger, Krankheit und Unsicherheit geprägten Dasein, ein Heilsversprechen. Die Gestaltung der Oberflächen durch Farbe und Struktur ist für die Gesamtwirkung einer Architektur maßgeblich. Gingen diese und damit auch die ursprüngliche Gestaltungsabsicht verloren, bleibt ein Fragment zurück, das kaum mehr Rückschlüsse auf das ursprüngliche Erscheinungsbild eines Raumes oder Gebäudes zulässt. Darüber hinaus werfen die Wandmalereien ein Schlaglicht auf das künstlerische Schaffen in einer Region und zuweilen auch auf ihren Auftraggeber.

Der hohen Bedeutung der mittelalterlichen Architekturfarbigkeit steht demnach deren äußerst schlechte Überlieferung entgegen. Denn vor allem nördlich der Alpen gehört die Wandmalerei zu den Kunstgattungen mit der höchsten Verlustquote. Durch Umbauten und Renovierungen dezimiert, zeitgenössischen Vorstellungen von Raumgestaltung und Restaurierung unterworfen, klimatischen Extremsituationen ausgesetzt und nicht zuletzt in ihrem kunsthistorischen und liturgischen Wert unterschätzt, war und ist Wandmalerei eine besonders gefährdete Kunstgattung. Die mittelalterlichen Wandmalereien werden jedoch nicht nur durch ihren materiellen Verfall bedroht, sondern in ebensolchem Maße durch ein immer weiter schwindendes Verständnis der Bildinhalte. In ihrer Entstehungszeit waren diese den meist leseunkundigen Betrachtern durch mannigfaches Hören wohlbekannt und stellten gleichsam eine Bilderbibel dar (siehe z.B. die Wandmalereien von Kloster Gröningen). Heute dagegen kennt durch die immer weiter fortschreitende Säkularisierung nur noch ein kleiner Teil der Kirchenbesucher die den Malereien zugrundeliegenden Geschichten des Alten und Neuen Testaments.

 

Damit ist ein grundsätzliches Problem des Bildverständnisses angesprochen. Zwar gibt es einen Weg vom Text zum Bild jedoch nicht wieder zurück. Ist die Kenntnis der Texte einmal geschwunden, dann bleiben die Malereien so unverständlich wie irgendein Monument einer unbekannten Kultur.

Zielstellung des Projekts „Mittelalterliche Wandmalereien in der Börde“ im Rahmen des Programms „Sachsen-Anhalt Digital Heritage“ ist es daher durch Dokumentation und restauratorische Beschreibung als auch bau- und kunsthistorische Einordnung und Interpretation sowohl einen Beitrag zur materiellen Erhaltung als auch zur zeitgemäßen Vermittlung der Bildinhalte zu leisten. Damit wurde weitgehend Neuland beschritten, denn bisher findet man zu den hier vorgestellten Objekten nur in wissenschaftlicher Spezialliteratur verstreute Hinweise, die dem interessierten Laien weitgehend unzugänglich sind. Inhaltlich und territorial schließt es an ein ähnliches Projekt zu den Wandmalereien in altmärkischen Kirchen an (www.wandmalereien.lda-lsa.de).

Zur mittelalterlichen Wandmalerei in der Börde

In der Magdeburger Börde hat sich eine bemerkenswerte Anzahl an mittelalterlichen Wandmalereien erhalten. Die wohl unter dem Einfluss der beiden bedeutenden Kunstzentren Halberstadt und Magdeburg im Zeitraum von der Mitte des 12. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts entstandenen Zeugnisse weisen ein breites Spektrum auf und vermitteln in der Gesamtschau einen selten umfangreichen Eindruck von mittelalterlicher Raumfassung. So finden sich einfache Wandgestaltungen mit Weihekreuzen, die unmittelbar nach der Errichtung eines Baus auf dessen Wände aufgemalt worden sind (z.B. St. Bonifatius in Ackendorf; St. Bartholomäus in Gersdorf), Einzeldarstellungen (z.B. St. Nicolai in Schwanefeld; Ehem. Klosterkirche Unser Lieben Frauen in Magdeburg), monumentale Apsismalereien (z.B. St. Pankratius in Hamersleben; St. Salvator in Ivenrode), raumumspannende Wandbilder (z.B. St. Marien in Groppendorf; Redekinkapelle des Magdeburger Doms) und Malereien aus verschiedenen Gestaltungsphasen (z.B. Schlosskapelle Wolmirstedt). Darüber hinaus haben sich drei äußerst seltene Beispiele für eine mittelalterliche Fassadengestaltung erhalten, die zudem in kunsttechnologischer Hinsicht eine Sonderstellung in der Wandmalerei einnehmen (Putzritzungen der Magdeburger Domklausur und der Magdeburger Johanniskirche). Geradezu einzigartig ist die überlieferte Raumfassung eines ehem. Terminierhauses in Schönebeck-Bad Salzelmen.

 

Dass der kleine Ort Ackendorf bei Haldensleben zum Ankerpunkt des ganzen Projektes wurde ist kein Zufall. Geht doch die Projektidee auf eine Initiative des Evangelischen Kirchspiels Ackendorf-Rottmersleben und des Ortsbürgermeisters von Rottmersleben, Hans Eike Weitz, zurück. Vor mehr als zehn Jahren begann die Sanierung des ehemaligen Pfarrhauses neben der Kirche und die Herrichtung von drei Räumen im Erdgeschoss für die Tafelausstellung. Mehrere Bauabschnitte waren nötig, um auch die Kirche instand zu setzen und die dort vorhandenen Wandmalereien zu konservieren und zu restaurieren. All dies wurde durch Fördermittel des Landes Sachsen-Anhalt im Rahmen des LEADER-Programms, der Lotto-Toto GmbH und Eigenmitteln der Kirchengemeinde sowie aus dem Baulastfonds des Kirchenkreises Wolmirstedt-Haldensleben ermöglicht. An dieser Stelle sei daher allen Ideen- und Fördermittelgebern herzlich gedankt.

 Es bleibt schließlich zu hoffen, dass es gelingt, den Bestand an und das Verständnis für die Wandmalereien zu erhalten und auch im Süden Sachsen-Anhalts in ähnlicher Weise zu erschließen.

Wenn auch Sie die Pflege, den Erhalt und die Erforschung der mittelalterlichen Wandmalerei in der Börde unterstützen möchten, wenden Sie sich sehr gern per Mail an cpieper@lda.stk.sachsen-anhalt.de.