Groppendorf

Evangelische Kirche St. Marien

Das Gebäude

Baubeschreibung

Der Kirche setzt sich aus drei unterschiedlich großen Abschnitten zusammen (Abb. 01). Sie ist 24,50 m lang und 9 m breit und besteht aus Bruchstein. Von Westen nach Osten sind folgende Baueinheiten zu beschreiben:

1. Ein romanischer Saalbau mit jüngerem Vorraum an der Südseite,

2.  ein quadratischer Turm und
3. ein unsymmetrischer, unregelmäßiger Chorraum.

Der Zugang zum Saal befindet sich in der westlichen Südwand. Das Türgewände des fensterlosen Vorraums öffnet sich im Korbbogen. Ein weiterer, heute zugesetzter romanischer Zugang zeichnet sich schemenhaft an der westlichen Nordwand des Saales ab. Der Innenraum wird neben der Wandmalerei durch das Gestühl und die Westempore aus dem 18. Jahrhundert geprägt. Das spätgotische Holzkruzifix und die polygonale, aus Nadelholz gefertigte Kanzel aus der Zeit um 1680 sind weitere Ausstattungsstücke (Abb. 02). Eine Besonderheit stellt die mittelalterliche Altarplatte im gotischen Chor dar.

Gropp_Abb_02

Blick in den Kircheninnenraum aus dem Schiff nach Osten

Gropp_Abb_03

Baualtersplan der Kirche

Bauphasen und Umbauzeiten

Aufgrund der Bauformen der Groppendorfer Marienkirche kann man davon ausgehen, dass ab dem späten 12. Jahrhundert der Saal und frühen 13. Jahrhundert der Turm entstanden sein wird. Der unwesentlich später angefügte Turm war im Erdgeschoss als Chor ausgebildet und schloss im Osten mit einer Apsis.

Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurde die Kirche mit dem Besitzerwechsel umfassend saniert. In diesem Zusammenhang entstand östlich des Turmes der gotische Chorraum.¹ 

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde ebenfalls an der Kirche gebaut: Es entstanden Vorraum, Kanzel und Emporen. Sämtliche Fensteröffnungen wurden im Barock überformt oder sind erst in dieser Zeitepoche entstanden.

Im 19. Jahrhundert wurden die Giebel sowie das Dachwerk saniert.
Warum der spätgotische Choranbau auf ungewöhnlichem Grundriss in Trapezform errichtet worden ist, lässt sich derzeit nicht in Erfahrung bringen.²  Zum Baualtersplan siehe Abb. 03.

Die Wandmalerei

Lokalisierung (Gropp_Abb_04)

Lokalisierung der Wandmalereien und der bemalten Gurtbogenlaibungen in Turmerdgeschoss und Chor

Lokalisierung

Wandmalereien finden sich an allen Wandbereichen im Chorraum oberhalb von ca. 115 cm, dem Turmerdgeschosses und den Gurtbögen oberhalb der Kämpferzone.

Datierung

Spätgotisch, Anfang 16. Jh.

Darstellung und Ikonografie

Es handelt sich um eine umfassende Ausmalung mit 21 figürlichen Darstellungen vor stilisierter Landschaft umgeben von Rankenwerk. Etwa mittig befindet sich ein umlaufendes rotes Band, das im Chor von

zehn gleich gestalteten roten Weihekreuzen (griechische Kreuze) begleitet wird. An der Ostwand des Turmerdgeschosses ist ein Wappen dargestellt.

Chor

Aus einer Kugelvase über dem Chorschlussfenster entspringt eine einheitliche Ausmalung mit reichem Rankenwerk, das sich von dort aus an den Wänden ober- und stückweise auch unterhalb des umlaufenden Bandes ausdehnt. Bisweilen lassen sich darin Knospen, gefiederte Blätter und Trauben finden.

Zwischen den oberen Ranken reihen sich an allen vier Wänden Apostel und Heilige mit scheibenförmigen Heiligenscheinen, bodenlangen Gewändern und Mänteln, teilweise auch mit zeitgenössischen Motiven an der Kleidung bzw. Haartracht. Bewegte Schriftbänder über den Köpfen bezeichneten ehemals die Dargestellten. Dies sind in Leserichtung von links nach rechts:

Gropp_Abb_05

Chor, Nordwand

Gropp_Abb_06

Chor, Ostwand

Gropp_Abb_07

Chor, Südwand

Nordwand (Abb_05)

(Vermutlich) Apostel Petrus mit Schlüssel³
Apostel Philippus mit Buch und kleinem lateinischem Kreuz
Apostel Johannes mit Kelch, den er mit der rechten Hand segnet
Darunter: um die Sakramentsnische zwischen den Ranken zwei einander zugewandte Engel mit brennenden Kerzen und Handglocken, zwischen ihnen oberhalb der Nische eine goldene Monstranz mit Hostie überfangen von dem Schriftband „ECCE PANIS ANGELORUM ET…“ (= Seht das Brot der Engel und …)

Ostwand (Abb_06)

Apostel Andreas mit Schrägbalkenkreuz und Buch
(Vermutlich) Apostel Jakobus der Jüngere mit Stab oder Walkerstange sowie segnender Hand
Apostel Matthias mit Lanze
Apostel Bartholomäus mit Messer

 

Südwand (Abb_07)

Apostel Thomas mit geöffnetem Buch und Winkelmaß
Apostel Paulus mit Schwert
Apostel Judas Thaddäus mit Keule
(Vermutlich) Apostel Jakobus der Ältere mit Stab oder Schwert
Apostel Matthäus mit Buch und Beil

 

Westwand

Schutzmantelmadonna mit Zepter, die ihren Mantel über zwei kleiner gestaltete Personen ausbreitet
(Vermutlich) ein weiterer Apostel oder Heiliger mit Stab, der sich nicht sicher identifizieren lässt

 

Gropp_Abb_09

Turmerdgeschoss, Gurtbogen Ost, nördliche Laibungsfläche (links) und südliche Laibungsfläche (rechts)

Gropp_Abb_10

Turmerdgeschoss, Nordwand

Gropp_Abb_11

Turmerdgeschoss, nördlicher Abschnitt der Ostwand

Gropp_Abb_12

Turmerdgeschoss, Südwand mit Rankenmalerei, 1964 stark überarbeitet und in im 20. Jahrhundert mehrfach ergänzt

Gropp_Abb_13

Turmerdgeschoss, Gurtbogen West, nördliche Laibungsfläche (links) und südliche Laibungsfläche (rechts)

Turmerdgeschoss und Gurtbögen

Gurtbogen Ost (Abb_09)

Heiliger Märtyrer Stephanus mit Steinen auf einem Buch
Heiliger Märtyrer Laurentius mit Rost
Beide als Diakone mit dünnen Palmwedeln wiedergegeben

Nordwand (Abb_10)

(Vermutlich) Heilige Maria Magdalena in zeitgenössischer Kleidung
(Vermutlich) Heilige Helena mit Krone und Kreuzstab
Nicht identifizierbarer Heiliger ohne Attribute

Ostwand (Abb_11)

Bindenschildwappen (golden mit silberner Mittelbinde) des Stifters

Süd-/Westwand (Abb_12)

Rankenmalerei

Gurtbogen West (Abb_13)

Heiliger Georg in Rüstung und mit Lanze auf dem Drachen stehend
Heiliger Mauritius in Rüstung mit Kreuzfahne

Kunsthistorische Einordnung

Wie schon bei der St. Bonifatius-Kirche in Ackendorf erwähnt, entstanden die Malereien beider Kirchen durch eine gemeinsame Malerwerkstatt.
Auch für die Apostel und die Heiligen in Groppendorf fällt es schwer, genaue Vorbilder auszumachen. Es fällt aber auf, dass zwei der Apostel (Jakobus der Jüngere und Judas Thaddäus)

mit nachantiken, der Entstehungszeit entsprechenden Krägen an ihren Mänteln ausgestattet sind. Auch Maria Magdalena hebt sich von der in Ackendorf dargestellten Heiligen durch ihr zeitgenössisches Kleid deutlich ab. Für Georg lässt sich, abgesehen von der moderneren Rüstung, ein Holzschnitt (deutsch, um 1500) als mögliche Vorlage ausmachen.

Bestand und Maltechnik

Als Träger der Malerei dient ein gelblich weißer Kalkputz. Die Putzoberfläche wurde nicht geglättet, sondern nur verschlichtet. Dadurch bleiben die Niveauunterschiede des darunterliegenden Mauerwerks noch teilweise ablesbar. Im Bereich des östlichen Gurtbogens zeigen sich zusätzlich Schalungsspuren. Der Putz der angrenzenden Wandfläche wurde radial eingeritzt, um den Eindruck regelmäßig vermauerter Scheitelsteine zu erwecken (Abb. 14). Als Grundierung wurde eine stark streifige Kalktünche verwendet (Abb. 15). Spuren eines blei- oder graphitähnlichen Stiftes, der Bestandteil einer Vorzeichnung gewesen sein könnte, sind bislang zeitlich nicht genau einzuordnen. Der Befund steht singulär in der Reihe der begutachteten Objekte und wäre für Malereien dieser Zeitstellung im deutschen Raum bemerkenswert. Ein Zusammenhang zu späteren Überarbeitungen kann abschließend nicht ausgeschlossen werden.

Die Malerei wurde mehrschichtig lasierend und flächig in Lokaltönen angelegt. Anschließend wurden die Binnenflächen schattierend, teils alla prima ausgeführt und pastose Lichter aufgesetzt (Abb. 16-22). Binnengliederungen wurden in einem zweiten Schritt ausgeführt und bestehen aus teils grafischen Zeichnungen, teils aus malerisch angelegten Brokatimitationen. Dazu gehören u.a. auch fein akzentuierte Haare, Gesichtszüge und Gewandfalten (Abb. 17, 19, 23-26). Es bleibt zu vermuten, dass die ersten Anlagen der Malerei (Fondtöne und Konturen) noch freskal in die Oberfläche der Kalktünche einbinden konnten.¹⁰ Naturwissenschaftliche Untersuchungen 2002 ergaben für die Maltechnik eine Verwendung der Pigmente Azurit, Malachit und roter Erde. Als Bindemittel sei tierischer Leim mit geringen Anteilen eines trocknenden Öls nachgewiesen worden.¹¹

Gropp_Abb_14

Chor, südliche Westwand, Oberflächenstruktur des Putzauftrages (Streiflicht), Ritzungen im Bogenverlauf und Schalungsspuren in der Laibung

Gropp_Abb_15

Chor, Südwand, untere Wandzone, Oberflächentextur der grundierenden Kalktünche (Streiflicht) und Details der Rankenornamentik

Gropp_Abb_16

Chor, Nordwand, Detail aus der Figur des Apostels Johannes

Gropp_Abb_17

Chor, Nordwand, Detail aus Abb. 16, Figur des Apostels Johannes mit Spuren einer zeitlich bislang nicht genau einordbaren blei- oder graphitähnlichen Zeichnung im Bereich der Nase und der Augen

Gropp_Abb_18

Chor, Südwand, Detail der Figur des Apostels Matthäus. Die Farbigkeit der grundierenden Kalktünche wirkt durch die bildgebende Malschicht hindurch

Gropp_Abb_19

Chor, Südwand, Detail aus Abb. 18, Figur des Apostels Matthäus. Die Figuren weisen durchgängig schwarze Konturierungen der hellen Binnenflächen auf. Zur Modellierung der Axt wurde der Fondton nur leicht lasiert

Gropp_Abb_20

Chor, Nordwand, Detail des Hintergrundes mit stilisierter Landschaftsdarstellung, auf der die Figuren angeordnet sind

Gropp_Abb_21

Chor, Nordwand, Detail des Hintergrundes mit stilisierter Landschaftsdarstellung aus Abb. 20: lasierender Farbauftrag

Gropp_Abb_22

Chor, Nordwand, Detail der Figur des Apostels Johannes mit malerischer Binnengestaltung des Untergewandes in Form eines Brokatmusters und pastos aufgesetzter weißer Gewandborte

Gropp_Abb_23

Chor, Nordwand, Detail des Gewandes des Apostels Johannes in Abb. 22, malerische Binnengestaltung in Form eines Brokatmusters

Gropp_Abb_24

Turmerdgeschoss, Nordwand, Detail aus dem Gewand der östlichen Figur mit feiner schattierender Binnenzeichnung in Schwarz. Bei den senkrechten, mehrfarbigen Strichen handelt es sich um eine Retusche der letzten Restaurierungsmaßnahme.

Gropp_Abb_25

Turmerdgeschoss, Gurtbogen West, Detail aus Abb. 13 zur nördlichen Laibung, Binnenzeichnung des Drachens

Gropp_Abb_26

Turmerdgeschoss, Gurtbogen West, Detail der südlichen Laibung mit Binnenzeichnung der Rüstung des Heiligen Mauritius

Zustand

Die Wandmalereien befinden sich insgesamt in einem guten Zustand. Anhaltende statische Bewegungen führen zu erneuten minimalen Rissbildungen.

Gropp_Abb_27

Turmerdgeschoss, Nordwand, Detail aus dem Gewand der östlichen Figur mit feiner schattierender Binnenzeichnung in Schwarz. Bei den senkrechten, mehrfarbigen Strichen handelt es sich um eine Retusche der letzten Restaurierungsmaßnahme.

Restaurierungsgeschichte

1895
Teilfreilegung der Malereien durch den Pfarrer Müller¹²

1896/97
Freilegung und Restaurierung durch August Oetken, Berlin¹³ (Abb. 27)

1964
Restaurierung durch Restaurator Fritz Bens¹⁴

2000
Statische Sicherung des Mauerwerks und Einbringen der Zuganker¹⁵

2002
Voruntersuchung der Wandmalereien durch Dipl.-Rest. Hans-Peter Schmidt, Groß Rodensleben¹⁶

2007
Notsicherungsmaßnahmen v.a. im Chorbereich durch Dipl.-Rest. Torsten und Daniela Arnold, Leipzig¹⁷

2009
Restaurierungskonzeption durch Dipl.-Rest Nannette Brauer, Leipzig¹⁸

2010
Restaurierung der Wandmalereien durch HOWAHLSPIES Restauratoren GbR, Berlin¹⁹