Hadmersleben
Kapitelsaal des ehemaligen Benediktinerinnenklosters
Das Gebäude
Baubeschreibung¹
Im westlichen Teil der Stadt Hadmersleben, im alten Ortskern, befindet sich die große ehemalige Klosteranlage der Benediktinerinnen von Hadmersleben. Der Kreuzgang und die Klausurgebäude sind im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts nördlich der Kirche entstanden, heute existieren nur noch Ost- und der Nordflügel.² Der Südflügel und der Westflügel wurden im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts abgetragen.³
Der Ostflügel ist zweigeschossig und beherbergt im Erdgeschoss den Kapitelsaal der Nonnen (Abb. 01). Der zweischiffige und sechsjochige Kapitelsaal grenzt mit seiner westlichen Längswand (unmittelbar) an den Kreuzgang und wird von zwölf Kreuzgratgewölben überdeckt (Abb. 02)..
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Ansicht auf die Ostfassade des Klausurostflügels, im Erdgeschoss befindet sich der Kapitelsaal
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Baualtersplan des Kapitelsaals, nicht markierte Bauphasen sind im Plan nicht darstellbar
Bauphasen und Umbauzeiten
Eine gotische Minuskelinschrift auf dem mittleren Pfeilerkapitell mit der Angabe der Jahreszahl 1505 erinnert an die Fertigstellung des Klausurumbaus sowie an die Bauherren, die Äbtissin Sancta Meynedgodessen und der Propst Ludolf von Nacke (Abb. 03).
In der Mitte des 18. Jahrhunderts sind anlässlich umfassender Baumaßnahmen sämtliche Fenstergewände erneuert worden. Im vierten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts soll unter der Äbtissin Blume unter anderem die Anhebung des gesamten Fußbodens im Kapitelsaal erfolgt sein.⁴
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Kapitelsaal als Garage und Lagerhaus des Volkseigenen Gutes genutzt (Abb. 04). An den nördlichen Wandabschnitten und am mittleren Fassadenbereich zeichnen sich Ergänzungen ab, die auf ehemalige Einfahrten verweisen. Zum Baualtersplan siehe Abb. 05.
Die Wandmalerei
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Lokalisierung der Wandmalereien und Architekturfassungen
Lokalisierung
Oberflächen der Gurt-, Scheid- und Schildbögen, Pfeiler, Gewölbekonsolen und Pilaster der fünf westlichen Joche (Abb. 06).
Datierung
Die Wandmalereien sind vermutlich in der Zeit zwischen um 1400 und um 1505 entstanden.⁵
Darstellung und Ikonografie
Während sich an den Gurt-, Scheid- und Schildbögen sowie den Pilastervorlagen eine Ziegelmauerwerk immitierende Architekturfassung findet (Abb. 12), zeigen sich an den oberen Dritteln der westlichen Schildbogenwände Reste figürlicher Darstellungen (Abb. 07 bis 11).
Daneben haben sich an der südlichsten Schildwand grünmonochrome, florale Elemente in Form von Ranken erhalten.
1. Joch von Süd
Über dem Türdurchbruch haben sich grüne Volutenranken erhalten. Weitere Ranken wurden anscheinend auf den Gewölbeflächen fortgesetzt, dazu eine leicht geschwungene rotbraune Linie, die derzeit nicht weiter deutbar ist. (Abb. 07)
2. Joch von Süd
Relativ gut erhalten zeigen sich zwei Weihekreuze (rot-blaue Malteserkreuze), zwischen und neben denen mehrere Personen nur noch schlecht zu erkennen sind. Links sitzend Maria mit dem Christuskind auf dem Schoß, die beide an ihren Nimben erkannt werden können.
Hinter Maria stehend folgt wohl Josef, während sich von rechts eine oder zwei Personen nähern, möglicherweise einer oder zwei der Heiligen Drei Könige.
Am rechten Rand schließt ein weiterer stehender Heiliger mit Nimbus, evtl. einer der Könige, die Anbetung des Kindes ab.⁶ (Abb. 08)
Mittleres Joch
Durch den Türeinbau hat sich nur links ein Weihekreuz erhalten, an das sich nach oben ein senkrechter rotbrauner Streifen anschließt. Rechts neben dem Kreuz ist eine Heilige mit Nimbus und langem blonden Haar wiedergegeben, möglicherweise wiederum Maria (Abb. 09).
2. Joch von Nord
Die ehemals vielfigurige Szene ist ohne technische Hilfsmittel kaum erkennbar. Vermutlich handelt es sich bei der Figur am linken Rand um eine/n heilige/n Märtyrer/in mit Palmzweig.⁷ Die übrigen Dargestellten, durch Nimben als Heilige charakterisiert, gruppieren sich um einen quer aufgestellten rechteckigen Tisch. Es könnte sich daher um Christus und seine Apostel beim letzten Abendmahl handeln (Abb. 10a/b, 13, 14)⁸
1. Joch von Nord
Die freigelegte Fläche parallel zum linken Bogenverlauf gibt vier Nimben wieder, die auf Heilige oder Engel verweisen. Durch die gestaffelte Anordnung der Nimben ist davon auszugehen, dass wohl der oder die beiden Personen am linken Rand anbetend auf die Knie gesunken sind. (Abb. 11, 15, 16)
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Gemalte Imitation eines Ziegelmauerwerks mit aufgesetzten weißen Fugenbändern an der südwestlichsten Pfeilervorlage
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4. Joch von Süd, Westwand, figürliche Wandmalerei unter starkem Grauschleier, Schildbogen mit Rekonstruktion der Ziegelimitation
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4. Joch von Süd, Westwand, Versuch einer Umzeichnung der visuell unter dem Grauschleier noch erkennbaren Konturen und Binnenflächen der figürliche Wandmalerei
Reine Angabe der befundetetn Farbigkeit. Etwaige Schattierungen und/oder Gliederungen der Binnenflächen sind nicht enthalten oder im derzeitigen Zustand nicht zu erkennen.
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Joch von Süd, Westwand, Detail der Scheitelzone mit einer mittigen großen und zwei flankierenden kleinen, nimbierten Figuren
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5. Joch von Süd, Westwand, Versuch einer Umzeichnung der noch erkennbaren Konturen und Binnenflächen der figürliche Wandmalerei
Kunsthistorische Einordnung
Die aktuell schlechte Lesbarkeit der Malereien lässt kaum Möglichkeiten für eine nähere Einschätzung zu. Wenn sich gemalte Steinimitationen auch früher finden lassen, wird die Ziegelimitation mit weißen Fugenstrichen um 1400 zu datieren sein. Ob auch die erhaltenen Weihekreuze oder die figürliche Wandbemalung aus dieser Zeit stammen oder erst später eingefügt wurden, muss momentan offen bleiben.
Da die Weihekreuze aber ohne sichtbaren Bezug zur übrigen Malerei stehen, dürften diese zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sein. Ob die figürliche Ausmalung eine erzählerische Abfolge aus dem Marien- oder Christusleben bot, lässt sich nach dem derzeitigen Stand der Freilegung nicht näher feststellen. Sie könnten zeitlich eher in die Umbauphase um 1505 einzuordnen sein.
Bestand und Maltechnik
Auf das Sandsteinmauerwerk wurde an den Schildwänden ein Kalkputz in je zwei Portionen aufgetragen. Die Oberfläche wurde vermutlich gebürstet (Abb. 17).
Als möglicherweise erste Gestaltungsphase um 1400, mindestens jedoch im Vorfeld der Ausführung der Schildwandmalereien, wurde auf allen Oberflächen eine dünnen Kalktünche und anschließend im Bereich der Gurt-, Scheid- und Schildbögen sowie der Pilastervorlagen eine Ziegelimitation aus einer roten Lasur und weißen Fugenstrichen ausgeführt (Abb. 12). Eventuell entstand in diesem Zuge auch die Rankenmalerei.
Erst danach, ggf. in der für 1505 einzuordnenden Renovierungsphase, erfolgte der Auftrag einer schichtstarken Kalktünche im Bereich der Schildwände.
Als Orientierungshilfen für die Heiligenscheine lassen sich schwache Rillen in der Grundierung belegen (Abb. 16). An den Weihekreuzen wurde hierfür ein Zirkel verwendet. Aufgrund des derzeit stark gestörten Gesamterscheinungsbildes lässt sich die Maltechnik nur unzureichend ermitteln. Vermutlich sind die heute noch ablesbaren Malereibereiche bereits freskal in die Grundierung eingebunden. Alle farbintensiven und binnengliedernden Elemente waren dagegen wahrscheinlich durch zusätzliche Bindemittel in Secco-Technik ausgeführt. Farblich nuanciert die Malerei von gelben und roten Erdtönen über Braun bis Grün und Blau (Abb. 19, 20, 21). Es bleibt weiter offen, welcher Gestaltungsphase die Weihekreuze zuzuordnen sind.⁹
Had_Abb_16
5. Joch von Süd, Westwand, Detail des obersten Heiligenscheins mit angeschnittenem Kopf. Die Kontur des Heiligenscheins wurde akkurat geritzt, scheinbar ohne Zirkel.
Had_Abb_17
3 Joch von Süd, Westwand, Detail der Putzoberfläche mit streifiger Oberflächentextur und Schwundrissen
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4. Joch von Süd, Westwand, Detail aus dem mittleren Bildbereich mit Fehlstelle in der Malschicht. Die Malerei weist eine schichtstarke Grundierung auf. Das punktuell, pustelartige Schadensbild spricht für die Verwendung von Gips oder quellfähigen Schichtsilikaten.
Had_Abb_19
3. Joch von Süd, Westwand, Detail des Weihekreuzes. Die Konturen wurden unter zu Hilfenahme eines Zirkels (zentrale Einstichstelle) vorgeritzt. Das Blau des Weihekreuzes unterscheidet sich deutlich vom Gewand der Figur rechts daneben.
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2. Joch von Süd, Westwand, Detail der Heiligenfigur am rechten Bildrand. Noch deutlich zu erkennen ist das schwarze Kreuzmuster des Obergewandes sowie die rote Farbigkeit des Untergewandes.
Zustand
Der Gesamterhaltungszustand muss als tendenziell schlecht bezeichnet werden. Neben der starken Reduzierung des Bestandes, stören noch aufliegende rezente Schichten, nachträgliche Konturierungen sowie Schleierbildungen die Ablesbarkeit massiv. Hinzu kommen die fehlende didaktische Aufbereitung und Präsentation sowie der insgesamt schmutzige und baulich gestörte Eindruck des Kapitelsaals.
Restaurierungsgeschichte
1912
Rankenmalerei und Anbetung des Kindes mit Heiligen bereits sichtbar¹⁰
Nach 1952
Einrichtung des Laboratoriums des Saatzuchthauptgutes Kloster Hadmersleben¹¹
1984
Bauliche Veränderungen, Rückbau jüngerer Zutaten, Wiederentdeckung der schadhaften mittelalterlichen Wandmalerei¹²
1985
Untersuchung und Freilegung der heute sichtbaren Flächen durch die VEB Denkmalpflege Magdeburg sowie Datierung auf die Zeit um 1400¹³
Um 1987
Ausgrabungen/Grabungen im nördlichen Bereich des Kapitelsaals
1989
Teilrekonstruktion der Ziegelmauerwerksimitation der Gurtbögen¹⁴