Ivenrode
Evangelische Salvatorkirche
Das Gebäude
Baubeschreibung
Die Salvatorkirche im westlichen Teil des Ortes Ivenrode entspricht ihrer Bauform nach der Typologie der Chorturmkirchen (Abb. 01, 02). Der Grundriss gleicht einem Griechischen Kreuz.¹ Alle Flügel der Kirche sind etwa gleich groß.
Der Chor, die Querhäuser wie auch das westliche Langhaus sind allesamt einschiffig. Der Chor mündet nach Osten hin in eine halbrunde Apsis. Über die gesamte Breite und Länge des Chorjochs erhebt sich ein Turm, der nach oben in einem Zug gemauert worden ist und dessen Traufe sich im Norden und Süden befindet. Das Westschiff ist aus Bruchsteinmauerwerk unterschiedlicher Steinmaterialien ohne Lagenbildung errichtet worden.
Ehemalige, heute zugesetzte Eingänge markieren sich an der Südwand des Südflügels und an der Nordfassade des Nordflügels. In den Innenraum gelangt man heute durch zwei große doppeltürige Eingänge, jeweils an den Querfassaden des Süd- und Westflügels. Das Innere ist durch die Ausstattung aus der Barockzeit geprägt: Der Kanzelaltar, die Emporen und die Bestuhlung.
Der mittelalterliche Chorraum befand sich im Ostflügel, er ist durch die Altarwand mit Kanzel nicht zu sehen. Die Apsis ist leicht eingezogen und hat eine mittige großformatige Fensteröffnung. Der Rundbogen der Apsiskalotte beginnt oberhalb zweier Kämpfersteine.
Ive_Abb_06
Baualtersplan der Salvatorkirche im Maßstab 1:100
Bauphasen und Umbauzeiten
Der romanische Bau des 12. Jahrhunderts ist vor allem von außen ablesbar. Am Ost-, Süd- und Nordschiff besitzt die Salvatorkirche noch Bauabschnitte der Romanik (Abb. 03, 04). Auf den Mauerwerksoberflächen der Ostfassaden von Nord- und Südflügel sind vielfach Mauerwerksreparaturen sichtbar, offenbar gab es hier Apsiden. Wohl zu Ende des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts ist die Kirche umfassend renoviert worden: Der Westflügel wurde in ähnlicher Größe wie die vorhandenen Flügel errichtet, seit dieser Zeit besitzt der Bau seine heutige Kreuzform. Die unterschiedlichen Mauerwerksstrukturen der Flügel sowie weitere Bauformen geben Hinweise auf zwei zeitverschiedene Bauphasen.
In der Apsis gab es ursprünglich drei Fenster: ein Fenster im Scheitel, eines nach Nordosten und eines nach Südosten. Zwei sind mit den Veränderungen am Bau wohl in der barocken Bauphase zugesetzt, das Mittlere vergrößert worden. Die Markierung der zugesetzten Fenster am Mauerwerk belegt die ursprünglichen Fenstergrößen (Abb. 05). Zum Baualtersplan siehe Abb. 06.
Die Wandmalerei
Ive_Abb_07
Lokalisierung der Wandmalereien und Kämpfersteine im vereinfachten Grundriss, Norden
Lokalisierung
Apsis des romanisch östlichen Chorraums hinter dem Kanzelaltar (Abb. 07).
Datierung
Kämpfersteine:
um 1150
Wandmalerei:
Spätromanik, etwa 2. Hälfte 12. bzw. Anfang 13. Jahrhundert
Darstellung & Ikonografie
Es handelt sich um eine figürliche Wandmalerei mit einem ornamentalen Band als rahmendem Abschluss der Apsiswölbung über reliefartig figürlich und floral gestalteten Kämpfersteinen (Abb. 08-11).
Ive_Abb_08
Blick in den oberen Teil der Apsis mit Fragmenten der figürlichen Wandmalerei und plastisch gestalteten Kämpfersteinen
Ive_Abb_11_umzeichnung
Umzeichnung der nachweisbaren Konturen basierend auf der roten Unterzeichnung und den begrenzten Binnenflächen
Gewölbter Bereich oberhalb der Kämpfersteine
In der zentralen Apsiskalotte ist Christus mit grünem Gewand und rotem Mantel frontal thronend in einer Mandorla in Gestalt der Maiestas Domini wiedergegeben. Während er seine rechte Hand zum Segensgestus erhoben hat, hält er mit der linken das Buch des Lebens auf seinem Schoß (Abb. 11, 12). Zu den Seiten finden sich Fragmente von je zwei Heiligen oder Aposteln. Links darüber ist ein Engel, das Evangelistensymbol des Matthäus zu sehen, darunter der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus. Die übrigen, nicht erhaltenen Evangelistensymbole Adler und geflügelter Stier befanden sich sehr wahrscheinlich auf der anderen Seite der Mandorla. Eingefasst wird die Darstellung durch einen ornamentalen Fries im Bogen zwischen den beiden Kämpfersteinen (Abb. 13).
Bereich unterhalb der Kämpfersteine (Fensterzone)
Unter dem linken Kämpferstein ist eine weibliche Heilige oder ein Engel mit gelocktem Haar und goldenem Nimbus zu sehen, die ihre oder der seine rechte Hand segnend erhoben hat. Ein kleiner Gewandrest links spricht für eine weitere, zweite Person (Abb. 14). Auch unter dem rechten Kämpferstein ist ein allerdings nur geringes Figurenfragment sowie darunter der Rest eines waagerechten Ornamentfrieses erhalten (Abb. 12, 15).
Ive_Abb_14
Erhaltene Figur und Fragment eines links angeschnittenen Gewandes einer weiteren Figur im nördlichen unteren Apsisbereich
Kunsthistorische Einordnung
Die Darstellung einer Maiestas Domini im Chorabschluss ist in der Romanik (besonders im 13. Jahrhundert, aber auch schon früher) ebenso in Mitteldeutschland weit verbreitet.
Da sich der Erhaltungszustand der Malerei in Ivenrode weitgehend auf Reste der Vorzeichnung beschränkt, ist es bisher nicht gelungen, genaue Vorbilder für die Darstellung auszumachen.
Bestand und Maltechnik
Das Mauerwerk wurde vollflächig in nivellierenden Schichtstärken verputzt und oberflächlich stark geglättet. Hierfür kam ein Kalkmörtel zum Einsatz. Zeitlich ist dies vermutlich gemeinsam mit den Kämpfersteinen einzuordnen. Als erste Fassung bestand demnach zunächst eine monochrome, gelblich weiße Kalktünche. Darauf wurde erst mit Ausführung der figürlichen Malereien eine stark streifige, sehr schichtstarke Kalktünche aufgetragen (Abb. 16). Diese zweite Fassung ist wahrscheinlich als Kalkfresko-Secco-Mischtechnik ausgeführt. Zunächst wurden die roten Konturen sowie die roten und gelben Binnenflächen in zügigen Arbeitsschritten angelegt.
Sie konnten noch freskal in die Kalktünche einbinden (Abb. 17) und sind für den heutigen Eindruck maßgeblich. Die bläulich grünen, rötlich schwarzen und blauen Farbpartien waren ehemals möglicherweise mit einem zusätzlichen Bindemittel gebunden, der sich mit der Zeit abbaute. Die graugrünen Rücklagen der unteren Figuren sprechen für die Anwendung grüner Erde als Pigment (Abb. 14, 17). Zusätzlich wurden z.B. Hauttöne auch mit Weiß ausgemischt (Abb. 18). Die Binnenflächen waren teils durch Muster dekoriert, von denen sich noch Negativabdrücke erhalten haben (Abb. 19, 20).
Ive_Abb_17
Detail der Figuren im nördlichen unteren Apsisbereich (Abb. 14), Anlage der Konturen und Binnenflächen, vermutlich Verwendung von gelbem und rotem Ocker sowie grüner Erde (graugrün) für die Rücklagen
Ive_Abb_14
Erhaltene Figur und Fragment eines links angeschnittenen Gewandes einer weiteren Figur im nördlichen unteren Apsisbereich
Ive_Abb_19
Rötlich schwarzer Nimbus mit strahlenkranzartiger Binnengliederung an der linken Figur südlich der Mandorla
Zustand
Die Wandmalereien sind nur fragmentarisch überliefert, größtenteils noch unter jüngeren Anstrichen verborgen und in einem schlechten, akut gefährdeten Zustand. Dies ist einerseits die Folge der weit zurückliegenden, unvollständigen Freilegung und der im Nachgang nie stattgefundenen Konservierung. Zum anderen tragen die fehlende Pflege und Schäden im Untergrund zur Verschlimmerung des Zustandes bei. Sowohl die Putz-, als auch die Malereiebene bedürfen mindestens einer zeitnahen Notsicherung der Substanz.
Das Gesamterscheinungsbild ist bezüglich der Ablesbarkeit der Darstellung und ihrer Präsentation für den Betrachter leider unzureichend.
Baubeschreibung
Auf den romanischen Mauerwerksoberflächen der Hauptapsis haben sich keine romanischen Putze und/oder Fassungsschichten mehr erhalten.[i] Um 1200 wurden mit der Entstehung der plastischen Dekoration an den Chorschranken die Sockelprofile an den Stirnseiten der Apsis ebenfalls mit Hochbrandgips profilierend überformt.[ii] In der gleichen Ebene hat sich auf der Bogenlaibung der Apsis die konstruktive Vorzeichnung sowie flächige, gelbe und rote Unterlegung eines geometrischen Frieses erhalten, für das scheinbar ein Zirkelinstrument verwendet wurde (Abb. 12).
Die Entstehung der figürlichen Wandmalerei geht mit dem Auftrag eines gelblich weißen Kalkmörtels einher. Der Putz wurde in Portionen je Gerüstetage von oben nach unten aufgetragen und mit der Kelle geglättet. Die Putzoberfläche erhielt vermutlich im noch frischen Zustand eine erste Beschichtung durch eine gelblich weiße Tünche.[iii]
Die Ausführung der Malerei erfolgte nach Auftrag einer schichtstarken weißen Kalktünche. Sie wurde derart satt aufgetragen, dass sich Läufer gebildet haben (Abb. 13).[iv] Zur ersten Anlage der Komposition wurde eine Vorzeichnung in Rot und korrigierend in Schwarz ausgeführt (Abb. 14-16). Größere Binnenflächen wurden mit einem untermalenden Farbton belegt. So zeigen beispielsweise die landschaftlich gestalteten Hintergründe eine ockergelbe Untermalung.[v]
Die Ausführung der bildgebenden Malschicht erfolgt in Secco-Technik. Vermutlich handelt es sich um eine fette Temperamalerei, die mehrschichtig aufgebaut und teils alla prima ausgeführt wurde.[vi] Es lassen sich anhand des Grades an Detailliertheit und Feinteiligkeit der Malweise unterschiedlich hohe Ausführungsqualitäten des Dargestellten feststellen (Abb. 17-23). Details wie die Heiligenscheine, die Mantelschließe Christi oder Attribute der Heiligen zwischen den Fenstern wurden zusätzlich durch Metallauflagen vergütet. Vermutlich handelt es sich hier um eine Ölvergoldung.[vii] Alle Flächen sind zusätzlich durch aufgesetzte Binnengliederungen sowie die Vergoldungen durch farbige Lasuren gestaltet, die deren plastische Wirkung erhöhen (Abb. 24-29).
Abschließend wurden vor allem die figürlichen Darstellungen mit einer selten roten, meist schwarzen Kontur nochmals präzisiert und teilweise korrigiert (Abb. 14, 17, 27, 30).