Kloster Gröningen

Ehemalige Benediktinerklosterkirche St. Vitus

Das Gebäude

Baubeschreibung¹

Die Klosterkirche St. Vitus steht auf einer leichten Anhöhe und ist mit dem hohen romanischen Vierungsturm und mit ihrer reduzierten Bauform in der Gegend des Vorharzes etwas Besonderes (Abb. 01-03).

Von der ehemals dreischiffigen kreuzförmigen Basilika des Klosters sind nur noch der Westbau, das ursprüngliche Mittelschiff des Langhauses, das Querhaus und das Chorjoch erhalten (Abb. 04). Der oktogonale Turm überdeckt das gesamte Vierungsquadrat. Der Kirchenbau besitzt damit heute nur noch eine Ausdehnung von 41,5m Länge und 23m Breite.

Die circa einen Meter starken zweischaligen Mauerwerke der heutigen Umfassungswände bestehen aus sorgfältig geschichtetem Buntsandstein in hammerrechtem Bruchsteinformat. Die ehemaligen Langhausarkaden sind aus sorgfältig bearbeiteten Werksteinen erbaut worden. Ebenso zeigen die einzelnen Turmseiten sorgfältig bearbeitete Quadersteine. An allen Seiten des Vierungsturms sind die Klangarkaden, deren Bogenstellung durch gekuppelte Säulen getragen wird, als Biforien ausgebildet.

Die Erschließung des flachgedeckten Innenraums wird über eine Türöffnung in der Nordseite des nördlichen Querhauses gewährleistet. Mehrere rundbogige Fenster in der ursprünglichen Obergadenzone sowie entlang der heutigen Längswände belichten das Langhaus. Eine Besonderheit der Klosterkirche stellt der vom Langhaus abgegrenzte, im Bodenniveau tieferliegende, tonnengewölbte Raum im Westbau dar, über dem sich eine Empore mit plastisch gestalteter Brüstung befindet (Abb. 05). Die Funktion dieses Raums konnte bisher nicht abschließend ermittelt werden. 1935 wurde im Zuge von archäologischen Sondierungen im Bodenbereich eine Begräbnisstelle freigelegt, die möglichweise zeitgleich mit dem Raum entstanden ist. Nach Osten weist dieser eine apsisähnliche Ausformung auf, die sich mit drei Rundbogenfenstern zum Langhaus hin öffnet. Aufgrund dieser beiden Befunde ist vermutlich die Bezeichnung als Westkrypta oder Westkapelle bereits über längere Zeit hinweg üblich geworden.²

Der Zugang zu diesem im Folgenden als Westkrypta/Westkapelle bezeichneten Raum und der Aufgang zur heute als Orgelempore fungierenden Westempore ergibt sich über zwei unterschiedlich hohe rundbogig schließende Türöffnungen.

Die ursprünglichen Arkaden des Langhauses sind noch gut anhand ihrer Säulen und Pfeiler in Form des so genannten Niedersächsischen Stützenwechsels erkennbar.

 

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Übersicht über die ehemalige Klosteranlage von Nordwesten

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Ansicht auf die ehemalige Klosterkirche von Norden

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Ansicht auf die ehemalige Klosterkirche von Nordosten

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Ansicht auf den Kircheninnenraum nach Osten

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Ansicht des Kircheninnenraumes nach Westen, Blick auf die Westwand mit stuckierter Emporenbrüstung und im unteren Wandbereich erhaltenen mittelalterlichen Wandmalereien sowie dem Zugang zur sog. Westkrypta/Westkapelle

Groe_Abb_06

Baualtersplan der ehemaligen Klosterkirche mit Darstellung ihrer ursprünglichen Dimensionen

Bauphasen und Umbauzeiten³

Die im nachfolgenden skizzierten Bauphasen und Umbauzeiten werden in Abbildung 06 grafisch dargestellt.

Nach Errichtung des Kirchenbaus zu Beginn des 12. Jahrhunderts, erfolgten wohl in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts der Umbau und die Ausstattung des Westbaus. Hierbei wurden die Westempore sowie die sog. Westkrypta/Westkapelle eingerichtet.

Um 1577 wurden das südliche, zwischen 1819 und 1831 das nördliche Seitenschiff abgetragen. Die Schließung der Arkaden zur fortlaufenden Wandfläche wurde so ausgeführt, dass im Innenraum die bauplastischen Details der bauzeitlichen Kapitelle, Bogenfriese und Profile gut sichtbar sind. Ein Teil des ursprünglich quadratischen Chors samt Apsis und die Nebenapsiden wurden abgebrochen. Die Vierungspfeiler erhielten Wandvorlagen als Verstärkung. Die Eckausbildung des gerade geschlossenen Chors wurde durch Ecklisenen stabilisiert. Auch die Fensterlösung im Chorschluss mit den drei hochrechteckigen Fenstern mit halbrundem Oberlicht wurde erst um 1900 ausgeführt. In diese Zeit fällt die umfangreiche Generalsanierung der Klosterkirche, die zur Reromanisierung und zur Teilrekonstruktion der Architekturfassung führte.

Die Wandmalerei

Groe_Abb. 07

Lokalisierung der Wandmalereien im Kirchengebäude

Lokalisierung (Abb. 07)

In folgenden Bereichen sind Teile des mittelalterlichen Wandmalereibestandes überliefert:

1. An der Wandfläche der Westempore im Langhaus unterhalb des sehr plastisch gearbeiteten Brüstungsreliefs mit dem Weltenrichter und dem Apostelkollegium. Letztere stellen aus Gips gefertigte und farbig rekonstruierte Kopien der um 1900 ausgebauten und in das Bodemuseum Berlin verbrachten mittelalterlichen Originale dar (Abb. 08).

2. Am Gewölbe und der südlichen Schildwand im tonnengewölbten Raum unter der Westempore (sog. Westkrypta/Westkapelle).

3. Oberhalb der Mittelpfeiler und westlichen Säulen an der Nord- und Südwand des Langhauses.

Datierung

Wandfläche der Westempore im Langhaus:
zwischen 1150 und 1160

sog. Westkrypta/Westkapelle:
zwischen 1150 und1160

Nord- und Südwand des Langhauses:
vermutlich zwischen 1150 und 1160

Darstellung & Ikonografie

Es handelt sich an der Westwand des Langhauses und in der sog. Westkrypta/Westkapelle um eine Monumentalmalerei mit szenisch angelegten, figürlichen Darstellungen vor architektonischen und landschaftlichen Hintergründen. Dagegen finden sich an den Wänden des Langhauses gemalte Einzelfiguren in rechteckiger Bildfeldrahmung.

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Ansicht des Kircheninnenraumes nach Westen, Blick auf die Westwand mit stuckierter Emporenbrüstung und im unteren Wandbereich erhaltenen mittelalterlichen Wandmalereien sowie dem Zugang zur sog. Westkrypta/Westkapelle

Groe_Abb_08

Detail der bauzeitlichen Emporenbrüstung über der Westwandfläche des Langhauses mit Darstellung verschiedener Apostel im Gerichtskolloquium, historische Aufnahme vor der Demontage um 1900

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Gesamtansicht auf die Westwandfläche unterhalb der Emporenbrüstun

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Detail der mittleren Wandzone unterhalb der Emporenbrüstung mit verschiedenen figürlichen Darstellungen, Multispektralphotografie

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Westempore, südlicher Wandabschnitt unter der Emporenbrüstung, fragmentarisch erhaltene Darstellung einer gemalten Architektur mit Säule

Wandfläche der Westempore im Langhaus (Abb. 09, 10)

Die Malereien unterhalb der Empore bilden zusammen mit den Reliefs der darüber befindlichen Emporenbrüstung ein dreizoniges Gesamtbild (Abb. 05, 08, 09, 10).

Dargestellt ist dort das Jüngste Gericht. In der himmlischen Sphäre (oberer Bereich) wird in Gestalt von Hochreliefs Christus als Weltenrichter inmitten seines Gerichtskolloquiums, bestehend aus den zwölf Aposteln, wiedergegeben.

Im Zentrum der darunterliegenden Wandmalerei (mittlerer Bereich) stehen zwei große geflügelte Engel mit Spruchbändern über den sich öffnenden Gräbern. Ein weiterer Engel zwischen ihnen, vielleicht Erzengel Michael mit der Seelenwaage, ist nur äußerst gering als Fragment erhalten. Ein Teufel mit fratzenhaftem Gesicht trägt lange Schriftbänder mit den heute nicht mehr erhaltenen Urteilen der Gerichteten heran. Ein aus den himmlischen Sphären herabgeschwebter Engel darunter bläst mit seiner Posaune die Toten zum Jüngsten Gericht, die sich am unteren erhaltenen Bildrand (irdischer, unterer Bereich) aus ihren Gräbern erheben. Vermutlich dürfte auch der links davon auf Höhe der Trennlinie fragmentarisch erhaltene, schwebende Engel vormals zum Gericht geblasen haben.

Eine Gruppe Verdammter wird rechts der zentralen Gruppe auf dem Weg zum nicht erhaltenen Höllenrachen geführt. Weitere Personen an der nördlichen Westwand und hinter ihnen sind nur durch ihre Füße erkennbar. Links oberhalb der Engelsgruppe lassen sich Gewandpartien, evtl. auch ein Kopf der Seligen ausmachen. Die Schar der Seligen, die sich zum Paradies hinbewegen, ist aber kaum noch erhalten.

Zu den geringeren Malereiresten an den seitlichen Westwandpartien gehört eine gemalte Architektur in Gestalt eines Säulenstücks mit Kapitell und geradem Sturz am oberen Bildrand unter dem zweiten Apostel von Süden (Abb. 11).

Sog. Westkrypta/Westkapelle (Abb. 12, 13, 14, 15)

Im Bereich der Gewölbezone wurden die Darstellungen in einem typologischen Zyklus aus 12 querrechteckigen Bildfeldern angeordnet, die von Schrift- und Ornamentbändern eingefasst werden. Jeweils zwei übereinander angeordnete Szenen verbinden dabei neutestamentliche Darstellungen aus dem Leben Christi mit den dazu vorläuferhaften, alttestamentlichen Motiven.¹⁰ Alttestamentliche Ereignisse werden im heilsgeschichtlichen Sinn als vorausweisend auf das Neue Testament gesehen, sie dienen somit als Vorbilder (Präfiguration) für die durch Christus erreichte Erfüllung.¹¹ Die heute nur noch schlecht erhaltenen Wandbilder lassen sich teilweise anhand historischer Fotos identifizieren.

Groe_Abb_12

Sog. Westkrypta/Westkapelle, entzerrte Abwicklung des Gewölbes in der Gesamtansicht

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Entzerrter Ausschnitt der westlichen Gewölbefläche der sog. Westkrypta/Westkapelle mit den beiden mittleren und den beiden nördlichen erhaltenen Bildfeldern der mittelalterlichen Malerei

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Entzerrte Ansicht auf die östliche Gewölbefläche der sog. Westkrypta/Westkapelle mit den erhaltenen sechs Bildfeldern der mittelalterlichen Malerei

Groe_Abb_15

Sog. Westkrypta/Westkapelle, Südwand, Multispektralphotografie. Die Darstellung ist heute kaum noch ablesbar. Das fotografische Verfahren verbessert die Ablesbarkeit. Zu erkennen ist eine sitzende Figur unter architektonischem Baldachin, die seitlich (links) von einer weiteren Figur (fragmentarisch) begleitet wird.

Groe_Abb. 16

Historische Aufnahme der westlichen Gewölbefläche der sog. Westkrypta/Westkapelle noch vor dem Treppeneinbau 1902 mit den beiden mittleren und den hier noch erhaltenen beiden südlichen Bildfeldern der mittelalterlichen Malerei

Gewölbe West, 2 Bildfelder Süd

Oben: Mariae Verkündigung und Heimsuchung

Unten: Gideon (?) und Aaron mit dem grünen Stab

Durch den Einbau einer Treppe 1902 sind beide Bildfelder fast vollständig zerstört worden und nur noch durch historische Aufnahmen nachzuvollziehen (Abb. 16).

Gewölbe West, 2 Bildfelder Mitte

Gewölbe West, 2 Bildfelder Nord

Gewölbe Ost, 2 Bildfelder Nord

Gewölbe Ost, 2 Bildfelder Mitte

Gewölbe Ost, 2 Bildfelder Süd

Oben:
Drei Frauen am offenen Grab (Abb. 25)

Unten:
Ausspeiung des Jona aus dem Walfisch vor der Stadt Ninive (Abb. 26)

Durch den Treppeneinbau 1902 ist die Darstellung des oberen Gewölbefeldes heute ebenfalls teilweise verloren.

Südwand

Heiliger oder Heilige auf einem Thron unter einer Arkade. Eine weitere Figur ist seitlich links davon in nur geringen Resten erhalten. (Abb. 15).

Groe_Abb_25

Oben: Drei Frauen am offenen Grab

Unten: Ausspeiung des Jona aus dem Walfisch vor der Stadt Ninive

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, östliche Gewölbefläche, südliches unteres Bildfeld, Ausspeiung des Jona aus dem Walfisch

Groe_Abb_15

Sog. Westkrypta/Westkapelle, Südwand, Multispektralphotografie. Die Darstellung ist heute kaum noch ablesbar. Das fotografische Verfahren verbessert die Ablesbarkeit. Zu erkennen ist eine sitzende Figur unter architektonischem Baldachin, die seitlich (links) von einer weiteren Figur (fragmentarisch) begleitet wird.

Nord- und Südwand des Langhauses

Die Wandbereiche über den Pfeilern und Säulen zeigen Fragmente
von insgesamt vier Einzelfiguren. Drei hiervon befinden sich an der Nordwand:

2. Säule von West:
Apostel Andreas mit Andreaskreuz (Abb. 27a)¹²

Mittelpfeiler:
Nicht identifizierbare Gestalt im Dreiviertelprofil nach rechts schreitend, evtl. vor ihr eine kleine, möglicherweise nimbierte Gestalt (Kind?) (Abb. 27b)

3. Säule von West: Apostel mit aufgeschlagenem Buch in den Händen (Abb. 27c)¹³

Eine weitere Figur hat sich im Bereich der Südwand erhalten: Mittelpfeiler:
Ganzfigurige Darstellung eines schattenhaften Ungeheuers oder eines Teufels (Abb. 27d)¹⁴

Groe_Abb_27a

Langhaus, Nordwand, Bogenzwickel über der zweiten Säule von West, fragmentarisch erhaltene Darstellung des Apostels Andreas mit dem Andreaskreuz

Groe_Abb_27b

Langhaus, Nordwand, Bogenzwickel über der zweiten Säule von West, fragmentarisch erhaltene Darstellung einer nicht identifizierbaren Gestalt im Dreiviertelprofil nach rechts schreitend, evtl. vor ihr eine nimbierte kleine Gestalt (Kind?)

Groe_Abb_27c

Langhaus, Nordwand, Bogenzwickel über der zweiten Säule von West, fragmentarisch erhaltene Brustbilddarstellung eines Heiligen oder Apostels mit aufgeschlagenem Buch

Groe_Abb_27d

Langhaus, Nordwand, Bogenzwickel über der zweiten Säule von West, fragmentarisch erhaltene ganzfigurige Darstellung eines schattenhaften Ungeheuers oder eines Teufels

Kunsthistorische Einordnung

Das heute nur noch schwer lesbare Jüngste Gericht – bis in die Spätgotik ein häufig wandfüllendes Motiv im westlichen Bereich von Kirchenräumen – ist nur vollständig, wenn auch die darüber angebrachten plastischen Apostel sowie Christus als Weltenrichter einbezogen werden.¹⁵ Die Darstellung des großen Gerichts am Ende aller Tage ist dabei als Mahnung an den Betrachter zu verstehen, sich zu Lebzeiten richtig zu verhalten, um nicht unter die Gruppe der Sünder zu fallen. Doch auch das Paradies wird dem Gläubigen als erreichbar vor Augen geführt.¹⁶

Wenn sich auch in zeitnahen Zyklen (z.B. Idensen/Niedersachsen, St. Sigward, um 1130) keine direkten Vorbilder oder Vergleiche finden lassen, waren typologische Zusammenstellungen alt- und neutestamentlicher Motive, wichtiger Ereignisse aus dem Leben Christi und bekannter Darstellungen des Alten Testaments, im ganzen Mittelalter geläufig. So dürften die in der sog. Westkrypta/Westkapelle präsentierten Abbildungen, anders als heute, dem mittelalterlichen Christen leichter verständlich gewesen sein.

Ebenso geläufig war auch die Wiedergabe der zwölf Apostel im Kirchenschiff oder Chor in bildlicher oder skulpturaler Gestalt. Wenn sich auch mindestens zwei dieser Aposteldarstellungen erhalten haben, weicht der schattenhaft erhaltene Teufel von diesem Zyklus grundlegend ab. Ob er dabei eine gezielte Unterbrechung darstellte, die am gegenüberliegenden Mittelpfeiler durch ein ebenfalls abweichendes Bild zu ergänzen war, muss offen bleiben.

Da die Malerei im Kloster Gröningen zu den ältesten erhaltenen romanischen Wandmalereien im heutigen Sachsen-Anhalt zählt, ist eine genaue Einordnung bisher nicht möglich. Jedoch lassen sich neben regionalen Bezügen auch niedersächsische und maasländische Verweise annehmen.¹⁷

Bestand und Maltechnik

Von den Wandmalereien im Langhaus ist zu wenig erhalten, um eindeutige Aussagen zur Maltechnik abzuleiten. Sie wurde im Unterschied zur sog. Westkrypta/Westkapelle und zur Wandfläche der Westempore im Langhaus unmittelbar auf die Steinoberfläche gemalt. Für die sog. Westkrypta/Westkapelle erfolgte durch Dipl.-Rest. Stephanie Fischer 2003/2004 eine umfangreiche Voruntersuchung.¹⁸ Sowohl in deren Ergebnis, als auch bereits im Zuge der 1978 durch das Institut für Denkmalpflege Halle/Saale dokumentierten Befunden, wurde eine gewisse Vergleichbarkeit der werktechnischen Entstehung für diese und die Malereien im Bereich der Westempore angenommen.¹⁹

Als Träger der Malereien dient dort ein Kalkmörtel, der in mehreren Teilabschnitten angetragen wurde. Die Putzoberfläche wurde mit einer schmalen Kelle stark geglättet (Abb. 28).²⁰ Der hierauf folgende maltechnische Aufbau spricht für eine Ausführung der Malereien in reiner Secco-Technik. Zunächst wurde auf die abgebundene Putzoberfläche eine sehr dünne, weiße Grundierung aus Kreide, Gips, Bleiweiß und tierischem Leim als Bindemittel aufgetragen.²¹Auf dieser erfolgte die Anlage roter und gelber Vorzeichnungen, die verschiedene Änderungen im Kompositionsprozess erkennen lassen. Hierzu gehören die Verringerung der ursprünglich geplanten Bildfeldhöhen oder die Position des Widders im mittleren unteren Bildfeld der östlichen Gewölbefläche (Abb. 29-35).²²

Auch als Bindemittel der bildgebenden Malschicht wurde vermutlich ein Proteinleim verwendet.²³ Der Farbauftrag erfolgte mehrschichtig mit Anlage einer feinen Pinselzeichnung. Die Untersuchungen von 1978 und 2004 konnten neben den typischen Pigmenten wie gelbem und rotem Ocker auch Rußschwarz für Konturen sowie Ultramarin und Zinnober nachweisen (Abb. 36, 37). Das verwendete Bleiweiß sowie die Ausführung der Hintergründe u.a. mittels Grünspan, spricht ebenfalls für eine Secco-Technik, da die Pigmente nicht alkalibeständig sind wie dies für eine freskale Ausführung nötig wäre.²⁴

Im Bereich der Wandfläche der Westempore im Langhaus wurde eine vergleichbare Putztechnik verwendet. Allerdings lässt sich hierauf keine vergleichbare Grundierung erkennen. Die vorwiegend rote, stark grafisch angelegte Vorzeichnung scheint eher freskal in die Putzoberfläche eingebunden zu sein. Wenige erhaltene weiße, rote und grüne Farbaufträge lassen sich nur für konkrete Binnenflächen nachweisen. Die Ebene der Vorzeichnungen ist für die an dieser Stelle überkommenen Malereien heute bildprägend (Abb. 38, 39).

Groe_Abb_28

Sog. Westkrypta/Westkapelle, westliche Gewölbefläche, zwischen dem mittleren und dem nördlichen unteren Bildfeld, geglättete Putzoberfläche mit Spuren des verwendeten Werkzeugs im Streiflicht

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, Gewölbescheitel, mehrfarbig angelegtes Mäanderband mit deutlich sichtbaren roten Vorzeichnungen (rechter Bildbereich)

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, westliches Gewölbe, mittleres oberes Bildfeld, Detail mit Schriftband und Schafen. Gut zu erkennen ist die ursprünglich angesetzte Höhe der unteren Bildfeldbegrenzung durch waagerechte Schnurschläge sowie die stark grafische Anlage der gelben Vorzeichnung und die noch erhaltene schwarze Konturierung im Bereich der Tiere

Groe_Abb_31

Sog. Westkrypta/Westkapelle, westliches Gewölbe, rechtes unteres Bildfeld, Detail der linken Figurengruppe. Gut erkennbar sind die rote Vorzeichnung für Architekturen und die gelbe Vorzeichnung für Figuren.

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, westliches Gewölbe, rechtes unteres Bildfeld, Detail der Abb. 31, Gelbe, sich wiederholt präzisierende Vorzeichnung mit gelber flächiger Füllung der final ausgeführten Binnenfläche

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, westliches Gewölbe, rechtes unteres Bildfeld, Detail der Abb. 31, Überlagerung verschiedenfarbiger Vorzeichnungen

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, östliches Gewölbe, mittleres unteres Bildfeld, Detail des Widders mit Pentimento. Ursprünglich wurde die Position und Haltung des Widders weiter unten angesetzt. Die finale Ausführung wurde durch die rote Vorzeichnung nach oben korrigiert.

Groe_Abb_35

Sog. Westkrypta/Westkapelle, östliches Gewölbe, mittleres unteres Bildfeld, Detail des stark stilisierten Baums

Groe_Abb_36

Sog. Westkrypta/Westkapelle, östliches Gewölbe, nördliches oberes Bildfeld, Detail zweier Begleitfiguren mit gut erhaltenem Fragment der ursprünglich sehr detailreich ausgeführten Malerei

Groe_Abb_37

Sog. Westkrypta/Westkapelle, östliches Gewölbe, mittleres oberes Bildfeld, Detail der Darstellung der Maria. In diesem Bereich ist noch die Wirkung der ehemals feingliedrig und detailreich ausgeführten Malerei erkennbar. Das Gewand wurde in Rot durch Einsatz von Zinnober ausgeführt und ist infolge atmosphärischer Einflüsse verschwärzt.

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, Detail aus dem Bildbereich von Abb. 09 mit Beinen der Teufelsfigur. Gut zu erkennen sind der waagerechte Schnurschlag und die grafische Anlage der roten Vorzeichnung mit einem Pinsel, die mehrfach präzisiert wurde.

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Sog. Westkrypta/Westkapelle, Detail eines Figurenfragmentes (Gewand) mit der noch erhaltenen farbigen Gestaltung der Binnenflächen. Im Gegensatz zur Westkapelle wurden hier keine gelben Vorzeichnungen oder flächigen Unterlegungen der Malerei vorgenommen. Die Ausführung einer Grundierung ist ebenfalls nicht zu erkennen.

Zustand²⁵

Insgesamt ist der Bestand der Wandmalereien in seiner ursprünglichen Erscheinungsform stark reduziert. Hinzu kommen vor allem im Bereich der sog. Westkrypta/Westkapelle schadensbegünstigende und schadensverursachende bauliche Umgebungsbedingungen sowie die Folgen der starken Überarbeitung durch und Freilegung von jüngeren Anstrichsystemen.

Im Jahr 2000 wurde den Malereien in der sog. Westkrypta/Westkapelle ein stark gefährdeter und labiler Zustand zugeschrieben. Zahlreiche Risssysteme, desolate Substanz in allen Schichtebenen, der alterungsbedingte Abbau der Bindemittel und anhaltende Schadensprozesse führten zu jahrzehntelangen Totalverlusten der Bildinformation. Die 1978 stattgefundenen Konservierungsmaßnahmen haben zudem zum Auftrag hoher Mengen PVAc’s geführt (Abb. 38). Seit 2003 haben mehrfach Notsicherungsmaßnahmen stattgefunden. Zudem wurden Konzepte zur Verbesserung der Umgebungsbedingungen erarbeitet und umgesetzt.

Restaurierungsgeschichte²⁶

Vmtl. um 1819
Sog. Westkrypta/Westkapelle: Abriss und Wiederaufbau der Nordwand²⁷

1900
Langhaus und sog. Westkrypta/Westkapelle: Freilegung der Wand- und Deckenmalereien durch August Oetken²⁸

1900-1902
Sog. Westkrypta/Westkapelle: u.a. Treppeneinbau und dabei Zerstörung des südwestlichen Wandmalereibestandes²⁹
Westemporenbrüstung: Entnahme der originalen Bauplastik und Aufstellung von Gipsabgüssen³⁰

1934-35
Sog. Westkrypta/Westkapelle: Verbesserung der Umgebungsbedingungen durch klappbare Fenster zum Lüften des Raums, Konservierung der Wandmalereien initiiert durch den Provinzialkonservator Prof. Dr. Hermann Giesau von Restaurator Albert Leusch und Maler Karl Völker³¹

Ab 1945
Wandfläche der Westempore im Langhaus: Bearbeitung durch das Institut für Denkmalpflege Halle (Saale)³²

1978
Sog. Westkrypta/Westkapelle, Wandfläche der Westempore im Langhaus, Nord- und Südwand des Langhauses: Restaurierung der Wandmalereien durch Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden unter Betreuung des Instituts für Denkmalpflege Halle (Saale) u.a. durch die Restauratoren Konrad Riemann und Fritz Bens³³

2000
Sog. Westkrypta/Westkapelle: Bestands- und Zustandsaufnahme an den Wandmalereien durch Dipl.-Rest. Roland Lenz³⁴

2003/2004
Sog. Westkrypta/Westkapelle: Voruntersuchung und Anlage von Probeflächen zur Konservierung der Wandmalereien durch Dipl.-Rest. Stephanie Fischer³⁵

2007
Sog. Westkrypta/Westkapelle: Monitoring der Probeflächen von 2004 und Bewertung der zweijährigen Messungen zum Raumklima durch Dipl.-Rest. Stephanie Fischer³⁶