Magdeburg

Dom St. Mauritius und St. Katharina: Ernstkapelle

Das Gebäude

Baubeschreibung

Innerhalb der Magdeburger „Altstadt“ nimmt der Dom eine zentrale Stellung ein und ist seit Jahrhunderten das Wahrzeichen der Stadt Magdeburg (Abb. 01). Die seit 1494 als kleiner Chor bezeichnete, umgewidmete Vorhalle zwischen den beiden quadratischen Westtürmen wählte sich der Magdeburger Erzbischof Ernst von Wettin zum Begräbnisort.¹ Im Westen befindet sich der ursprüngliche Eingang zur Vorhalle in Form eines zweitürigen Stufenportals, darüber die Fensterwand aus Sandstein mit Vierpass und Maßwerk (Abb. 02).

Unter dem reich profilierten Scheidbogen, der die Vorhalle vom Langhaus trennt, steht als Schranke zum Mittelschiff ein kunstvoll gestaltetes hohes Gitter, das inschriftlich 1498 datiert ist und heute von einem Triumphkreuz bekrönt wird (Abb. 03).² Der im 15. Jahrhundert vorhandene einfache Raum besitzt ein Kreuzrippengewölbe. Die Rippen ruhen auf Diensten, die nur durch Kapitelle und Kämpferplatten unterbrochen werden. Die südlichen und nördlichen Trennwände zwischen Vorhalle und Türmen sind aus Bruchstein gefertigt. Davor befinden sich spitzbogige Schildbögen aus Werkstein, die an den Kanten gekehlt sind. Sie laufen auf Kämpferplatten aus. Die anschließenden Kapitelle sind bauplastisch verziert.

Besondere Ausstattungsstücke sind der Altar, die reich verzierte Grabtumba des Erzbischofs Ernst aus der Fischerwerkstatt Nürnberg (signiert und datiert 1495) sowie ein siebenarmiger Leuchter (Abb. 04).³

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Ansicht des Magdeburger Doms von Norden

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Ansicht der Westfassade mit dem Portal als Eingang in die Vorhalle zwischen den Türmen, wo sich heute die Ernstkapelle befindet

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Ansicht des Gitters, das die Ernstkapelle vom Langhaus abtrennt

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Innenraumansicht der Ernstkapelle mit Blick nach Südosten

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Baualtersplan des Magdeburger Doms mit den Bauabschnitten, in denen sich mittelalterliche Wandmalereien erhalten haben. Oben links befindet sich die Ernstkapelle

Bauphasen und Umbauzeiten

Der heutige Bau des Domes wurde nach einem Brand zu Beginn des 13. Jahrhunderts mit dem Chorneubau im Osten begonnen. Das querrechteckige Westwerk mit seinen beiden Türmen wurde um das Jahr 1270 in Angriff genommen und ist bis zum beginnenden 14. Jahrhundert zunächst nur bis zu drei Geschossen ausgeführt worden. Das Westportal mit Maßwerkfenstern entstand im Laufe des 14. Jahrhunderts, vermutlich später als das quadratische Turmmauerwerk.

Der für die Memoria des Erzbischofs konzipierte Andachts- und Gebetsraum wurde zu Lebzeiten errichtet, war aber einige Jahrzehnte nach dem Tod des Erzbischofs (1513) wegen der reformatorischen Veränderungen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nicht mehr als solcher in Funktion (Abb. 05). Die Begräbniskapelle hat trotz schwerwiegender Kriegsschäden am Dom (u.a. aus dem Dreißigjähriger Krieg und dem Zweiten Weltkrieg), alle diese Zeiten unbeschadet überstanden.

Die Wandmalerei

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Lokalisierung der Wand- und Gewölbemalereien in der Ernstkapelle

Lokalisierung

Gewölbe, Scheidbögen und Pfeilervorlagen mit Diensten (Abb. 06)

Datierung

Bei der Umnutzung der vormaligen Anna-Kapelle bzw. Vorhalle durch Erzbischof Ernst von Sachsen zu einer Marienkapelle mit Grablege ca. 1495-1498 entstanden.

Darstellung & Ikonografie

Die Ernstkapelle zeichnet sich aus durch gemalte Maßwerk- und Rippenformen, Wappen sowie Blattranken mit Knospen und Vögeln (Abb. 07, 08).

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Gesamtansicht des Gewölbes der Ernstkapelle, Osten entspricht der Bildoberkante

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Detail der Gewölbemalerei aus Abb. 07 mit den inneren vier Wappendarstellungen, Osten entspricht der Bildoberkante

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Detail der Gewölbemalerei des nordöstlichen Gewölbesegels mit dem Wappen des Erzbischofs Ernst (kombiniertes Wappen mit Herzogtum Sachsen, Landgrafschaft Thüringen, Pfalzgrafschaft Sachsen und Markgrafschaft Meißen, im mittigen Herzschild die Bistümer Magdeburg und Halberstadt)

Gewölbeflächen (Abb. 07)

Die vier Gewölbekappen werden durch das rot-blau marmorierte Kreuzrippengewölbe mit gelb gefasstem Schlussstein geteilt. Dazwischen erstreckt sich ein illusionistisches Schlingrippen-Maßwerk-Gewölbe mit gemalten Schlusssteinen, Oculi sowie sphärischen Drei- und Vierecken mit Zwei-, Drei- und Vierblattformen. In den Feldern finden sich zwölf eingestellte Wappen mit Helmzieren des Erzbischofs Ernst von Magdeburg.
Von Osten aus im Uhrzeigersinn sind dies:

(Abb. 09)
mittig: Die wichtigsten der 12 Wappen mit
Herzogtum Sachsen, Landgrafschaft Thüringen, Markgrafschaft Meißen, Pfalzgrafschaft Sachsen

Umlaufend
Wappen des Erzbischofs Ernst (Abb. 10), Erzbistum Magdeburg, Regalienwappen, Herrschaft Eilenburg, Grafschaft Orlamünde, Markgrafschaft Landsberg, Burggrafschaft Altenburg, Pfalzgrafschaft Thüringen

Vorlagen und Bögen

Neben braun und grau marmorierten Diensten, die sich an den antiken Spolien im Chor orientieren, findet sich an den Wandpfeilern mit ihren Vorlagen Maßwerkmalerei mit Fischblasen, Zweiblättern und gekappten Rippen (Abb. 08). Dazwischen, aber auch an den Laibungen der Schildbögen lässt sich eine heute teilweise stark verblasste grüntonige Rankenmalerei mit kräftigen Blattformen und darin verteilten Vögeln, Kugelknospen und Blüten erkennen. Ein Blattranken- sowie ein Blattstabfries am gestaffelten Gurtbogen zum Kirchenschiff vervollständigen die Wandmalerei (Abb. 12).

Kunsthistorische Einordnung

Die illusionistischen Maßwerkmalereien werten das vorhandene Kreuzrippengewölbe der Ernstkapelle in bester Ausführung auf, wobei die darin integrierten Wappen gleichzeitig als Machtdemonstration des aus dem Wettiner Hause stammenden Kirchenfürsten dienen. Zusammen mit der reichen Ausstattung und der Umnutzung zur Begräbnisstätte wird aus dem vormaligen Eingangsraum ein besonderer Ort, der nicht nur die herausgehobene Bedeutung des Stifters wiederspiegelt. Der der Jungfrau Maria geweihte, von einer eigens gestifteten Bruderschaft täglich mit Messen betreute Ort stieg damit gleichzeitig auf zu einem eigenständigen, dem Hochchor angenäherten Gegenpol.

Auch für die heute leider deutlich schlechter erhaltenen grünmonochromen Rankenmalereien finden sich weitere zeitnahe Beispiele.¹⁰ Insgesamt erweist sich die Ausmalung der Ernstkapelle als einzigartig für den mitteldeutschen Raum, wobei die illusionistische Marmorierung den antiken, im Dom verbauten Spolien nachfolgt.

Bestand und Maltechnik¹¹

Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts erhielten die Malereien wieder hinreichende Würdigung. Eine gesamtheitliche Betrachtung zur Herstellungstechnik der Malereien und damit auch zu ihrer Abgrenzung von sowohl älteren Fassungen, als auch jüngeren Übermalungen blieben trotz starken Engagements seitens der bearbeitenden Restauratoren und den zuständigen Denkmalbehörden spätestens ab den 1980er Jahren bisher aus.¹²  Der dennoch vorhandene aktuelle Kenntnisstand soll im Folgenden kurz charakterisiert werden.

Als Träger der Malereien dienen die Werksteinoberflächen der Architektur sowie in den Gewölbeflächen ein vermutlich kalkgebundener Putz.¹³ Gemäß 1986 und 1991 erstellter Analysen handelt es sich um eine Secco-Technik, die sehr wahrscheinlich als Ölmalerei oder stark ölgebundene Tempera ausgeführt wurde.¹⁴

Für die Wandflächen der Schildwände konnte eine grundierende dunkelrote Schicht belegt werden. Dementsprechend kennzeichnet sich die Malweise durch Ausmischungen verschiedener Farbnuancen sowie durch lasierende Farbaufträge vor allem in Schatten- und Lichtpartien der Architekturillusionen (Abb. 13, 14). Es wurde eine breite Palette mittelalterlicher Farbmittel verwendet, zu denen u.a.: Zinnoberrot, Mennige und Blei-Zinn-Gelb gehören. Das Grün ist ein Kupferpigment, das 1991 als teilweise aus chemischer Umwandlung hervorgegangenes Malachit definiert wird. Es habe sich ursprünglich um das Blaupigment Azurit gehandelt.¹⁵ Außerdem gibt es verschiedene Hinweise auf die Verwendung von Blattmetallen.

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Lokalisierung der Wand- und Gewölbemalereien in der Ernstkapelle

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Detail der Ornamentik aus Abb. 12 mit Reinigungsprobe, die die Ästhetik der ursprünglichen Malerei verdeutlicht

Zustand

Seit 2004 fanden wiederkehrend Sicherungen des in Folge der bauphysikalischen Bewegungen gelockerten Bestandes statt. Da die Bewegungen anhaltend sind, werden immer wieder Maßnahmen stattfinden müssen. Eine vollumfängliche Konservierung und Restaurierung hat seit 1991 nicht mehr stattgefunden.

Restaurierungsgeschichte

1834
Restaurierung der Malerei im Sinne einer „Auffrischung“¹⁶

1898
Restaurierung im Sinne einer malerischen Überarbeitung¹⁷

bis 1907
Mehrfach Überlegungen zur Beseitigung der Malerei¹⁸

1945
Beschädigung und Putzverluste durch Bombentreffer¹⁹

1954/55
Restaurierung der Wandmalerei durch Fritz Leweke, Halle (Saale)²⁰

1986/87
Untersuchung und Restaurierung durch das Institut für Denkmalpflege Halle (Saale) unter Leitung von Dipl.-Rest. Sven Oehmig u.a. im Rahmen eines Praktikums mit Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Abteilung Restaurierung²¹

1991
Konservierung und Restaurierung durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg, und u.a. Restaurator Peter Schwarzbach, Berlin, sowie Dipl.-Rest. Dietmar Sauer²²

2004-2006
Teilkonservierung und Zustandsermittlung der Putzsubstanz durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg²³

2015/2018
Konservatorische Sicherungsmaßnahmen durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg ²⁴