MAGDEBURG
Dom St. Mauritius und St. Katharina: Ostflügel des Klausurtraktes
Das Gebäude
Baubeschreibung
Innerhalb der Magdeburger „Altstadt“ nimmt der Dom eine zentrale Stellung ein und ist seit Jahrhunderten das Wahrzeichen der Metropole Magdeburg (Abb. 01).
Die östlichen Klausurräume am Kreuzhof, auch als Ostflügel bezeichnet, sind mehrgeschossig. Der Ostflügel ist 53m lang und 16,5m breit.
Im Erdgeschoss besteht dieser Klausurflügel aus dem Kreuzgang und dem langgestreckten Klausursaal (Remter). Im Obergeschoss sind im Ostflügel Büroräume und ein Lesesaal (Turmfragment) untergebracht. Die Fassade zur Kreuzhofseite gliedert sich in neun Spitzbogenöffnungen, symmetrisch angeordnetem Pfeilermauerwerk und schlanken Strebepfeilern (Abb. 02). Im Obergeschoss der Hoffassade wurden die Zwillingsfenster mit kleeblattbogigem Schluss im Lanzettbogen in gleichbleibenden Abständen angeordnet. Die Stirnwände des Ostflügels (Nord- und Südfassade) sind hohe, aus Bruchstein gefertigte Giebelmauerwerke. Die Ostfassade hat innerhalb ihrer südlichen Joche sowohl im Erd- als auch im Obergeschoss fünf spitzbogige Maßwerkfenster, die die Räume mit Licht versorgen.
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Blick in den Kreuzgang des Ostflügels in Richtung Süden
Der Kreuzgang
Der 3,70m breite Ostkreuzgang besitzt eine Länge von annähernd 33m und untergliedert sich in zehn Joche und (Abb. 03). Zur Ostseite hin wird der Gang durch den Wechsel von profilierten Pfeilern und Wandnischen mit Mauerwerken und oberlichtartigen Spitzbogenöffnungen begrenzt. Die Westseite wird von großen Spitzbogenöffnungen unterbrochen. An der Ostwand sind zahlreiche Grabsteine aufgestellt.
Die Gewölbe des Kreuzgangs werden mit Hilfe von Kreuzrippen gebildet. Die Schlusssteine sind flach und unauffällig, nur im zehnten Joch wurde der Schlussstein mit dem Schweißtuch der Veronika verziert. Nur an diesem Gewölbejoch des Ostflügels ist der Werkstein der Kreuzrippen im Birnenstabprofil gestaltet. Die Gewölbe werden stets mit Gurtbögen gegeneinander abgegrenzt. Sie enden am Wandmauerwerk auf karniesartig profilierten Konsolen.
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Baualtersplan des Magdeburger Doms im Maßstab 1:500 mit dem Ostflügel des Klausurtraktes unten rechts
Bauphasen und Umbauzeiten¹
Auch wenn Vieles am Steinwerk des Kreuzganges vor allem in der Spätgotik erneuert worden ist, gibt es Gründe, die Entstehung des Klausurostflügels im Kern für das 2. Drittel des 13. Jahrhunderts anzugeben. Die Gewölbe im Erdgeschoss sind wohl um 1320/1330 erneuert worden. Das Dachwerk ist als Stahlkonstruktion 1895-1896 errichtet worden. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde im Ober- und Dachgeschoss des Ostflügels mehrfach umgebaut und saniert. Zum Baualtersplan siehe Abb. 04.
Die Putzritzungen
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Lokalisierung der Putzritzungen an der Westfassade des Ostflügels vom Klausurtrakt
Lokalisierung
Nördliche Westfassade, Obergeschoss (Abb. 05).
Datierung
Um 1240, mit umfangreichen Ergänzungen des 19. Jahrhunderts.²
Darstellung & Ikonografie
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Ansicht auf die Putzritzung mit dem Darstellungsabschnitt Otto I. zwischen seinen beiden Ehefrauen Adelheid (links) und Editha (rechts). Die Bildinformation ist in Folge der langen Exposition und Verwitterung der Oberfläche heute nur noch schwer ablesbar
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Detail der Putzritzungen mit der Darstellung der Bischöfe Hartwig von Spanheim, Werner von Steußlingen und Engelhard (von links nach rechts), Fotoreproduktion einer Aufnahme von Ernst von Flottwell aus dem Jahr 1891. Vermutlich wurden die Konturen vom Fotografen zeichnerisch nachgearbeitet.
Zwischen einem durchlaufenden Palmettenfries über und einem mit Tieren und Fabelwesen belebten Rankenfries unter den Fenstern hat sich zentral die kaiserliche Gruppe erhalten, die zu den Seiten von Erzbischöfen begleitet wird. Beischriften helfen bei der Identifizierung der dargestellten Personen.³
Kaiser Otto I. thront frontal mit Krone und langem Zepter zwischen seiner zweiten Frau, der heiligen Adelheid von Burgund, und seiner ersten Gattin Editha von Wessex (Abb. 06, 07). Beide sitzen ihrem Gemahl jeweils leicht zugewandt in königlichen Gewändern. Die 1097 heilig gesprochene Adelheid wird zusätzlich mit einen Nimbus und einem Buch als Zeichen ihrer Bildung dargestellt. Beide Frauen sind durch ihre Kopfbedeckung mit eng anliegender Binde (Gebende) unter den Kronen als verheiratet gekennzeichnet.
Zu den Seiten schließen sich stehend unter Säulenarkaden und chronologisch angeordnet eine Reihe Magdeburger Erzbischöfe im Ornat mit zeittypischer Mitra, Pallium und Bischofsstab an (Abb. 08).⁴ Die letzten acht Darstellungen haben sich nicht erhalten⁵:
Neben Adelheid nach Norden
| Heiliger Adalbert | (968-981) |
| Giselher | (981-1004) |
| Tagino | (1004-1012) |
| Waltard (Dodiko) | (1012) |
| Gero | (1012-1023) |
| Humfried | (1023-1051) |
| Engelhard | (1052-1063) |
| Werner v. Steußlingen | (1063-1078) |
| Hartwig v. Spanheim | (1079-1102)⁶ |
Neben Editha nach Süden
| Heinrich I. v. Assel | (1102/05-1107) |
| Adalgod v. Osterburg | (1107-1119) |
| Rudgar v. Veltheim | (1119-1125) |
| Hl. Norbert v. Xanten | (1126-1134) |
| Konrad I. v. Querfurt | (1134-1142) |
| Friedrich I. v. Wettin | (1142-1152) |
| Wichmann v. Seeburg | (1152/54-1192) |
| Ludolf v. Kroppenstedt | (1192-1204) |
| Albrecht I. v. Käfernburg | (1205-1232) |
| Burchard I v. Woldenburg | (1232-1235)⁷ |
Kunsthistorische Einordnung
Die Putzritzungen am Magdeburger Domkreuzgang gelten als die am besten erhaltenen und gehören zu den ältesten nachweisbaren Beispielen nördlich der Alpen.⁸ Sie demonstrieren im nördlichen Mitteldeutschland eine eigenständige und von Italien unabhängige technische Entwicklung, die ganz ohne Farbzugabe nur durch Ritzen von Linien und Umrissen sowie dem Kratzen des Hintergrunds auskommt.⁹ Eine gewisse künstlerische Nähe findet sich in den Fresken im Chor des Braunschweiger Doms (1240/50), aber auch in Handschriften wie dem Goslarer Evangeliar (Goslar, Stadtarchiv, um 1240).¹⁰
Das Motiv des thronenden Ottos zwischen seinen beiden Frauen könnte dabei auf ältere Herrscherdarstellungen z.B. in der romanischen Buchmalerei zurückgehen.¹¹ Auch Reihen von (Erz-)Bischöfen finden sich in der mittelalterlichen Kunst, die wohl wie hier am Magdeburger Dom als machtpoltische Äußerung verstanden werden können.¹²
Bestand und Maltechnik¹³
Aufgrund der über 800 Jahre bestehenden Exposition wird eine abschließende Bewertung der Herstellungstechnik stark erschwert. Die Auseinandersetzung hierzu war seit dem 19. Jh. immer Kernthema der kunsttechnologischen Forschung.¹⁴
Es handelt sich um die Technik der Putzritzung mit ersten wegweisenden Merkmalen hin zur 200 Jahre jüngeren Sgraffito-Technik.¹⁵ Zunächst erfolgte der Auftrag eines kalkgebundenen Unterputzes, der das Mauerwerk ausgleicht. Die zweite, kalkgebundene Putzschicht stellt die Gestaltungsebene dar.¹⁶
Als Hilfsmittel bei der Anlage der Komposition wurden mindestens Zirkel verwendet. Der präzise Kompositionsaufbau mit sich wiederholenden Abständen spricht für die Verwendung von weiteren Hilfsmitteln.¹⁷
Zur Ausführung wurde die Oberfläche des Putzes mit einer Kelle geglättet. Dies führt zu einem deutlich helleren Farbton. Für die Rücklagen wurde die obere Putzhaut abgenommen. Hierdurch entsteht eine raue Oberfläche, die einen dunkleren Farbeindruck vermittelt (Abb. 09, 10). Die Binnenzeichnung wurde durch Eindrücken der Linien in den noch weichen, aber bereits abbindenden Putz, teils nahezu plastisch modellierend erstellt.¹⁸
Eine polychrome Beschichtung in der Art einer Fassung oder ähnlichem konnte bis heute nicht nachgewiesen werden. Kunsttechnologische Studien ergaben, dass bereits allein durch die unterschiedliche Oberflächenstruktur eine gewisse Strukturpolychromie zustande kommt.¹⁹ Diese hat ursprünglich bei entsprechenden Lichtverhältnissen wesentlich zur besseren Ablesbarkeit des Dargestellten geführt.²⁰
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Bereich der Putzritzungen, der zwischen um 1627 und 2012 durch das Epitaph 7 verdeckt war
Dom_ostfl_Abb_10
Detail des ornamentalen Frieses aus Abb. 09. In diesem Bereich haben sich noch Kellenspuren auf den geglätteten Oberflächen erhalten. Die Rücklagen stehen rauer und erscheinen aufgrund des Schattenwurfs dunkler. Die Ritzungen sind deutlich zu erkennen.
Zustand
Nach Abschluss umfangreicher konservatorischer-restauratorischer Maßnahmen in den letzten 25 Jahren befinden sich die Putzritzungen in einem stabilen Zustand.
Restaurierungsgeschichte
Die Restaurierungs- und Forschungsgeschichte ist im vorliegenden Fall sehr umfangreich. Sie wird im Folgenden subsummierend zusammengefasst²¹:
Ab 1618
Anbringung von sieben Epitaphien
1801-1877
Verschiedene Beschreibungen des zunehmenden Verfalls
1850
großflächige Putzerneuerungen vermutlich unter Friedrich von Quast²²
1870
Erstellung von Pausen der Putzritzungen im Abklatschverfahren
1891
Brand des Ostflügeldaches, anschließend Rekonstruktion eines Teils des oberen Frieses
1890-1933
Wiederkehrende Konservierungsmaßnahmen²³
1942
Errichtung von Luftschutzmaßnahmen durch eine „(…) untermauerte Bohlendoppelwand mit Sandfüllung (…)“ ²⁴
1951-1982
Wiederholte kunsttechnologische, konservatorische und restauratorische Auseinandersetzung sowie mehrere Hydrophobierungsmaßnahmen²⁵
1991-1999
Verschiedene Forschungsprojekte (u.a. BMFT du DBU)
2006
Diplomarbeit Franka Bindernagel an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut, Fachklasse Wandmalerei und Architekturfarbigkeit, Prof. Heinz Leitner²⁶
2009
Salzanalysen und Kompressenbehandlungen durch Dipl.-Rest. Torsten Arnold und das Institut für Diagnostik und Konservierung Sachsen-Anhalt²⁷
2010-2016
Umfangreiche Maßnahmen zur Konservierung und Restaurierung sowie Abnahme zweier barocker Epitaphe, dabei Freilegung eines besonders geschützten Bereichs der Putzritzungen²⁸
2016
Diplomarbeit Jacob Leonard John an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut, Fachklasse Wandmalerei und Architekturfarbigkeit, Prof. Dr. Thomas Danzl²⁹