Magdeburg

Dom St. Mauritius und St. Katharina: Remter im Ostflügel der Domklausur

Das Gebäude

Baubeschreibung

Innerhalb der Magdeburger „Altstadt“ nimmt der Dom eine zentrale Stellung ein und ist seit Jahrhunderten das Wahrzeichen Magdeburgs (Abb. 01).

Östlich vom Kreuzhof befindet sich ein zweigeschossiger Klausurbau, der auch im Dachbereich ausgebaut wurde (Abb. 02). Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich ein großer zweischiffiger Saal, der so genannte Remter. Der reguläre Zugang erfolgt über zwei Portale im Westen.¹  Nur über den Remter sind die Marienkapelle, der ottonische Chor unter dem Dom und die Redekinkapelle zu erreichen.

Der Remter wird auch als Sepultur benannt.² Der Raum hat eine Länge von fast 39m und eine Breite von gut 10m. Es handelt sich um einen langen rechteckigen zweischiffigen Saal, der je Schiff aus 10 Gewölben gebildet wird (Abb. 04). Die Gewölbe werden durch gekehlte Kreuzrippen gegliedert. Sie lagern in der Raummitte auf Säulen und an den Wänden auf Konsolsteinen auf. Einen besonderen Akzent erhält der Raum durch die verschiedenfarbigen Marmor- und Granitsäulen aus dem 10. Jahrhundert und die herausragenden Schlusssteinplastiken mit den Darstellungen von Aposteln, Propheten und Allegorien der Tugend.

 

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Ansicht des Magdeburger Doms von Norden

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Ansicht des Ostflügels von Westen

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Blick in den Remter nach Süden mit der mittelalterlichen Wandmalerei an der östlichen Südwand

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Baualtersplan des Magdeburger Doms mit Remter innerhalb des Ostflügels rechts unten (blau)

Bauphasen und Umbauzeiten

Es gibt historische Verweise und Mutmaßungen, dass sich an dieser Stelle im Mittelalter der Kapitelsaal und wohl zeitweise auch das Refektorium befanden.³ Die Nutzung als Sepultur ist für das 15. Jahrhundert belegt.

In welchem Umfang Bauteile und Bauabschnitte vom Remter in das 2. Drittel des 13. Jahrhunderts gehören, lässt sich nicht sicher bestimmen. Nach einem Bauschaden soll eine erneute Einwölbung in der Zeit um 1320/1330 stattgefunden haben (Abb. 05). Dabei wurden antike Säulenschäfte aus Oberitalien aus Vorgängerbauten wiederverwendet und als Spolien erneut verbaut.

Die Wandmalerei

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Lokalisierung der mittelalterlichen Wandmalerei im Remter an der östlichen Südwand

Lokalisierung

Östliche Südwand (Abb. 06).

Datierung

Um 1480

 

Darstellung & Ikonografie

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Gesamtansicht auf die mittelalterliche Wandmalerei im Remter

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Detail der Figur des Christophorus mit dem Christuskind auf der Schulter

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Detail einer weiblichen Heiligen, eventuell Katharina

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Linkes Inschriftenfeld oberhalb der Figur der linken Heiligen

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Rechtes Inschriftenfeld oberhalb der Figur der rechten Heiligen

Es handelt sich um eine polychrome Darstellung von vier lebensgroßen Figuren vor einer landschaftlichen Kulisse (Abb. 07-09).

Hierbei wird Christophorus mit dem Christuskind auf der Schulter zwischen einer nicht näher zu benennenden weiblichen Heiligen links und einer gekrönten Heiligen, eventuell der Kirchenpatronin Katharina, mit einem aufgeschlagenen Buch in ihrer rechten Hand dargestellt. Darüber befindet sich je ein Inschriftenfeld mit folgendem Inhalt:

Inschrift links:
„Cristofe(re) [s(an)c(t)e] / v[ir]tutes su(n)t t(ib)i tante / Qui te mane videt / nocturno [tempore] ridet“ (Abb. 10)
Heiliger Christopherus, du hast viele Wunderkräfte: wer dich morgens sieht, wird zur/m nächtlichen [Zeit] lächeln.

Inschrift rechts:
„(Christ)oferi facie(m) mane / qui cumque tuetur / [illo] nempe die / [non morte mala] moriet(ur)“ (Abb. 11)
Wer das Gesicht des Christopherus am Morgen betrachtet, wird an jenem Tag [keinen schlechten Tod] sterben.

Beide Inschriften verweisen in Versen auf die große Bedeutung des Heiligen als Beschützer vor dem gefürchteten plötzlichen Tod ohne letzte Ölung und Abendmahl, der durch den Anblick des Heiligen vermieden werden konnte.

Kunsthistorische Einordnung

Der nach einer Kupferstichvorlage von Martin Schongauer ausgeführte Heilige Christophorus variiert in Details und überzeugt in seiner plastischen und lebendigen Wiedergabe (Abb.12). Während den Christusträger die zunehmend schwere Last des Kindes niederzudrücken droht, wirken die jugendlichen, idealisiert wiedergegebenen Heiligen an den Seiten davon unberührt und in sich ruhend.
Trotz der fehlenden Bezüge gibt sich die Gesamtkomposition lebensnah, verweist dabei eher auf Kölner und Niederländische Malerei denn auf einen süddeutschen Maler¹⁰. Dem sicherlich auch in der Tafelmalerei geübten Meister gelingt hier ein überzeugendes, qualitätvolles Werk.

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Holzschnitt nach dem Kupferstich des Heiligen Christophorus von Martin Schongauer (um 1475)

Bestand und Maltechnik¹¹

Auf den Kalkputz wurde eine schwarze Pinselzeichnung angelegt, die bereits sehr sicher und akkurat mit fließender Linienführung die wesentlichen Merkmale der Komposition vorgibt (Abb. 10). Anschließend wurde die Malerei anscheinend unter gänzlichem Verzicht auf vorbereitende Grundierung oder Untermalung aufgetragen.

Es handelt sich um eine Secco-Technik, für die 2010 die Verwendung von Leinöl als Bindemittel nachgewiesen werden konnte. Blaue Bereiche wurden mit einem proteinhaltigen Bindemittel ausgeführt.¹² Es könnte sich hier um eine ölige Tempera mit einzelnen stärker wässrig gebundenen Malschichtpartien handeln.

Die Malweise kennzeichnet sich durch einen sehr dünnschichtigen Auftrag mit vielen lasierend gearbeiteten Details. Nur selten treten pastos angelegte lineare Lichter, Konturen und Binnengliederungen auf. Die Schattierungen der Gewänder und Modellierungen der Inkarnate wurden zum Teil sehr feinteilig ausgemischt. Die Wandmalerei erinnert stark an die zeitgenössische Tafelmalerei (Abb. 11, 12).¹³ Als Pigmente wurden Bleiweiß, Bleimennige, Zinnober und Azurit verwendet, die einer für diese Zeit klassischen Palette an hochwertigen Mineralpigmenten entsprechen.¹⁴

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Linkes Inschriftenfeld oberhalb der Figur der linken Heiligen

Dom_Rem_Abb_11

Rechtes Inschriftenfeld oberhalb der Figur der rechten Heiligen

Dom_Rem_Abb_12

Holzschnitt nach dem Kupferstich des Heiligen Christophorus von Martin Schongauer (um 1475)

Zustand

Trotz ihres flächenmäßig reduzierten Bestandes kann der hier beschriebenen Wandmalerei ein hoher sowohl ikonografischer als auch werktechnischer Informationsgehalt zugeschrieben werden. Rein visuell lässt sich ein intakter Zustand ohne größere Destabilisierungen konstatieren.

Restaurierungsgeschichte

Ob die Wandmalereien jemals verdeckt waren und ob oder wann sie freigelegt wurden, ist nicht bekannt.1965
Gesamtinstandsetzung des Remters, dabei Neuverputzung der unteren Wandflächen¹⁵

1966
Konservierung und Restaurierung der Wandmalereien durch Roland Möller, Jürgen Pursche u.a.

1998
Zustandserfassung durch Heinz-Peter Schmidt, Groß Rodensleben¹⁶

2009/2010
Konservierung und Restaurierung der Wandmalereien durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Dipl.-Rest. (FH) Franziska Pecker, Dipl.-Rest. Claudia Böttcher und Restaurator Kai Fronk.¹⁷