Ackendorf

Evangelische Kirche St. Bonifatius

Das Gebäude

Baubeschreibung¹

Die Kirche von Ackendorf lässt sich baulich in drei Abschnitte gliedern: eine Sakristei mit nahezu quadratischem Grundriss im Osten, ein rechteck­iger Saal und ein ebenso breiter Turm im Westen (Abb. 01, 02). Das heute unverputzte Umfassungsmauerwerk lässt die Verwendung unterschiedlicher Steingrößen und Steinformate, überwiegend Gommernquarzit, sowie verschiedene Mauerwerksstrukturen erkennen. Dieses Grauwacke-Gestein liegt als typisches Baumaterial der Börde in den Böden der Umgebung an. Der Kirchenraum ist durch den auf der Südseite liegenden Turmeingang zugänglich. Ein weiterer Eingang befindet sich im Ostanbau, der Sakristei.

Ebenfalls an der Südwand markiert sich das ursprüngliche romanische Portal, heute zugesetzt, zwischen zwei barocken Fenstern.

Der Saalraum hat an den Stirnseiten zwei mittige Eingänge, im Osten darüber die Kanzel.  An den Längsseiten belichten drei hohe barocke Fenster das Innere, dadurch ist die gotische Wandmalerei sehr gut sichtbar.

Das Satteldach über dem Saal wird von fünfzehn Gespärren getragen. Die ersten neun Gebinde sind als doppelt stehender Stuhl konstruiert. Daran schließen sich sechs Gespärre als einfaches Stuhldreieck in Form eines Kehlbalkendaches an.

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Ansicht der Kirche von Südosten

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Ansicht des Turmes von Westen

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Blick in den Kirchenraum nach Osten nach der Sanierung des Innenraums und der Restaurierung der Wandmalereien 2019

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Baualtersplan der St. Bonifatius-Kirche im Maßstab 1:100

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Ausschnitt der Südfassade, barocke Fensteröffnungen überschneiden den ehemalige romanische Türbogen

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Ausschnitt der Südfassade, Baunaht zwischen romanischem Mauerabschnitt und gotischer Erweiterung.

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Mittlere Wandpartie der Südfassade, das romanische Mauerwerk setzt sich aus kleinen Steinquadern zusammen. Rechts neben dem hohen barocken Fenster markiert sich ein romanisches Fenstergewände

Bauphasen und Umbauzeiten

Die nachfolgend erläuterten Bauphasen werden in Abbildung 04 grafisch dargestellt. Zunächst erfolgte die Errichtung des romanischen Turms im Westen (Abb. 02). Vermutlich wenig später, der gleichen Bauphase zuzuordnen, entstand der östlich angrenzende Saal.² Die Kirche erhielt das Patrozinium des Hl. Bonifatius. An der Südfassade markiert sich ein heute zugesetztes Portal aus jener Zeit (Abb. 05).³

Um 1480 wurde der bestehende Saal um siebeneinhalb Meter nach Osten erweitert und im Süden mit größeren Fenstern versehen (Abb. 06).

Die Epoche des Barocks führte ebenfalls zu umfangreichen baulichen Veränderungen, bei denen um 1673 u.a. das Glockengeschoss des Turms erneuert und die Mauerflächen des Turms teilweise renoviert wurden. Um 1756 erfolgte im Osten der Anbau einer Sakristei, die über eine Treppe auch den Zugang zum gleichzeitig errichteten Kanzelaltar ermöglicht. Ebenfalls in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand die Empore. Alle Fenster der Kirche wurden vergrößert und an der Südseite des Turmes die heute bestehende Türöffnung eingerichtet. Auch die Zusetzung von romanischen Tür- und Fensteröffnungen fand in dieser Bauphase statt (Abb. 07).

Die Wandmalerei

Ack_Abb_08

Lokalisierung der figürlichen Wandmalereien und der erhaltenen Weihekreuze

Lokalisierung (Abb. 08)

Figürliche Wandmalereien an der östlichen Nordwand.
Sechs Weihekreuze an der Nord-, Ost- und Südwand.

Datierung

um 1480
Weihekreuze der ersten Gestaltungsphase

frühes 16. Jh.
Figürliche Wandmalerei und jüngere Weihekreuze

Darstellung und Ikonografie

Die älteren Weihekreuze sind in einem Kreis als gedrehtes Tau eingebunden (Abb. 09). Die jüngeren Weihekreuze zeigen eine Malteserform in rotem Kreis (Abb. 10). Sie sind in den Verlauf der figürlichen Wandmalerei integriert. Diese zeigt teils szenische Darstellungen von Heiligen, die teilweise von Ranken umgeben sind (Abb. 11/12).

Ack_Abb_09

Südwand, westliches Weihekreuz der ersten Gestaltungsphase um 1480

Ack_Abb_10

Ostwand, nördliches Weihekreuz der zweiten Gestaltungsphase des frühen 16. Jahrhunderts, dass das ältere Weihekreuz überlagert

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Nordwand, Gesamtansicht des westlichen Teilbereichs der figürlichen Wandmalerei

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Nordwand, Gesamtansicht des östlichen Teilbereichs der figürlichen Wandmalerei

Ack_Abb_11: Nordwand, Teilbereich West, Oberes Register

Links:
betende, jungfräuliche Königstochter mit weißem Lamm als Opfergabe

Rechts:
Kampf des Hl. Georg mit dem Drachen

Ack_Abb_11: Nordwand, Teilbereich West, unteres Register

Links:
Hl. Maria Magdalena mit Salbgefäß

Rechts:
Vermutlich Hl. Agatha oder Apollonia mit Resten einer Zange.

Ack_Abb_12: Nordwand, Teilbereich Ost, oberes Register

Links:
Vermutlich Hl. Barbara (charakteristische Attribute nicht erhalten)

Mitte:
Maria (Madonna) mit dem nackten Jesuskind auf dem linken Arm

Rechts:
Hl. Katharina von Alexandrien mit Schwert und Rad (Werkzeuge ihres Martyriums)

Ack_Abb_12: Nordwand, Teilbereich Ost, unteres Register

Links:
Hl. Papst, (Gregor?, fragmentarisch) mit typischem Ornat und Doppelkreuzstab

Rechts:
Hl. Ordensmann mit Tonsur und Nimbus im Messgewand (vermutlich Hl. Bonifatius als Kirchenpatron mit goldenem Kelch und Schwert

Abb.: Nordwand, Sockelzone

Ehemals war ein bunter Wandbehang aufgemalt. (Abb. 13, 14)¹⁰.

Ack_Abb_11: Nordwand, Gesamtansicht

Gesamtansicht des westlichen Teilbereich der figürlichen Wandmalerei (Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Arnold).

Ack_Abb_12: Nordwand, Gesamtansicht

Gesamtansicht des östlichen Teilbereichs der figürlichen Wandmalerei (Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Arnold).

Kunsthistorische Einordnung

Die Malereien stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit denen in der St. Marien-Kirche zu Groppendorf. Die Malerwerkstatt scheint dabei zeitnah in beiden Kirchen gearbeitet zu haben, was sich an verwandten Ranken, stehenden Einzelfiguren und – soweit noch erkennbar – auch an Stoffdetails und ähnlich weich fallenden Faltenwürfen vermuten lässt.

Obwohl sich verwandte Rankenformen auch im Havelberger Dom (um 1500) finden lassen, sagt das allerdings nichts über eine Herkunft aus. Die einzelnen Heiligen und  der Hl. Georg im Kampf mit dem Drachen geben für die damalige Zeit geläufige Schemata wieder.

 

Bestand und Maltechnik

Die an der Ost- und Südwand erkennbaren, älteren Weihekreuze wurden auf den noch frischen Kalkputz freskal in schwarz aufgetragen, nachdem mittels Zirkelschlag die Form ritzend vorgegeben wurde (Abb. 09, 10).

Träger der figürlichen Wandmalerei und der zeitgleich ausgeführten jüngeren Weihekreuze ist eine Kalktünche. Vermutlich dienten als erste grobe Anlage der Komposition wenige schwarze Linien.¹¹ Die Malerei wurde als Kalkfreskomalerei ausgeführt. Während die zum Teil noch heute sichtbaren Farbflächen freskal und somit sehr stabil in die Kalktünche eingebunden sind, blieben viele Bereiche wie blaue und grüne Gewandpartien und abschließend erstellte Binnengliederungen nicht erhalten. Diese Malschichten sind wahrscheinlich mit einem zusätzlichen Bindemittel aufgetragen worden (Abb. 15-18).

Ack_Abb_09

Südwand, westliches Weihekreuz der ersten Gestaltungsphase um 1480

Ack_Abb_10

Ostwand, nördliches Weihekreuz der zweiten Gestaltungsphase des frühen 16. Jahrhunderts, dass das ältere Weihekreuz überlagert

Ack_Abb_15

Nordwand, Bildbereich Ost, Ausschnitt Rankenmalerei

Ack_Abb_16

Nordwand, Gesamtansicht des westlichen Teilbereichs der figürlichen Wandmalerei

Ack_Abb_17

Nordwand, Bildbereich West, Detail aus der Figur der Heiligen Agatha oder Apollonia. Der Nimbus erhielt durch feine Schattierungen räumliche Tiefe, das Inkarnat wird durch ausgemischte Rosétöne gebildet, auf die Binnengliederungen wie Augen vorwiegend linear aufgetragen wurden

Ack_Abb_18

Nordwand, Bildbereich West, Detail aus der Darstellung des Drachen. Die Figur wurde weitestgehend frei entwickelt. Abschließend wurden weiße Schuppen mit einem Pinsel locker aufgesetzt. Trotz der guten Ablesbarkeit der Darstellung haben sich wichtige Elemente der im zweiten Schritt ausgeführten Binnengliederungen (z. B. Augen) nicht erhalten

Zustand

Es haben sich zwei Teilbereiche mit je zwei Registern erhalten, die sich in ähnlicher Form mit anderem Bildinhalt wohl auch an der Ost- und Südwand befunden haben dürften. Wenngleich große Teilflächen des erhaltenen Wandmalereibestandes sowohl in ihrer Komposition als auch in ihrer Farbigkeit und Binnengestaltung erlebbar sind, liegen in Detailabschnitten häufig nur noch stark reduzierte Malschichten vor: So zum Beispiel der flächige Fondton und/oder Fragmente etwaiger Binnengliederungen. Der Zustand des noch überlieferten Malereibestandes kann in Folge der aktuell durchgeführten Restaurierung als substanziell sehr gut eingeschätzt werden.

Restaurierungsgeschichte¹²

1928
Entdeckung der Wandmalereien durch Maler Mannewitz¹³, Hörsingen

1928
Freilegung und Restaurierung durch Frau Dr. Gisela Weyde¹⁴

1935
Anfertigung von Gesamtaufnahmen (Archiv LDA Sachsen-Anhalt)

1974-1977
Restauratorische Bearbeitung (Restaurator Fritz Bens, nicht gesichert)

2000
Untersuchung und Notsicherungen (Dipl.-Rest. Stefanie Fischer¹⁵)

2002/2003
Notsicherungs- und Reinigungsarbeiten (Dipl.-Rest. Stefanie Fischer)

2019
Innenraumsanierung und dabei Konservierung und Restaurierung der Wandmalereien (Dipl.-Rest. Stefanie Fischer)