Gersdorf
Evangelische Kirche St. Bartholomäus
Das Gebäude
Baubeschreibung¹
Die evangelische Pfarrkirche St. Bartholomäi liegt im südwestlichen Teil von Gersdorf, etwas abseits vom Dorfkern. Ihre Bauform entspricht dem Typus einer romanischen Saalkirche (Abb. 01). Sie zeigt im Osten einen geraden Chorschluss. Im Westen grenzt an den Saal ein Turm an, im Norden ein Vorraum mit fast quadratischem Grundriss (Abb. 02).
Während im Bereich der westlichen Längswände Handquader aus Grauwacke in Lagen verbaut wurden, zeigen die östlichen Mauerwerksabschnitte des Saales Bebertaler Bruchstein bzw. Grauwacke-Feldstein ohne Lagenbildung und ohne erkennbare Struktur. Die Einfassung der Tür- und Fenstergewände besteht überwiegend aus Backstein.
Die Kirche wird über einen Zugang durch den nördlichen Vorraum erschlossen. Den Innenraum prägt zum einen der spätbarocke Kanzelaltar, zum anderen die kurze Hufeisenempore sowie das einfache barocke Kastengestühl (Abb. 03). Der Fußboden besteht aus Sandsteinplatten. Die Decke setzt sich überwiegend aus Eichenholzbalken zusammen. Sechs Fenster belichten den Saal: An der Südfassade drei größere Fenster mit Korbbogenschluss, an der Ostseite (Chorschluss) zwei kleinere Fenster mit flachem Bogensturz und ein Fenster neben der Empore. Das östliche Mauerwerk des Turmes hat eine Rundbogenöffnung zum Saal hin.
Auf die Mauerkrone des Saals wurde ein einfaches Kehlbalkendach mit doppelt liegendem Stuhl, bestehend aus sechzehn Gebinden aufgesetzt. Das Dachwerk auf dem Turm erscheint als Zeltdach aus sechs Gespärren.
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Baualtersplan zu Bauzeiten und Umbauphasen
Bauphasen und Umbauzeiten²
Der ursprüngliche Bau der Saalkirche kann in der Zeit um 1200 oder auch bereits etwas eher entstanden sein. Möglicherweise hatte dieser erste Saalbau eine Länge von nur zehn bis zwölf Metern und schloss mit eingezogenem Chor und Apsis im Osten sowie einem Turm im Westen. Aus dieser Zeit hat sich ein heute vermauertes Fenster im Bereich der ehemaligen Saalnordwand erhalten (Abb. 04).
Die östliche Erweiterung des Saales sowie die Errichtung des nördlich angrenzenden Vorraums sind in spätgotischer Zeit erfolgt. Aus dieser Bauphase stammt die spätgotische Segmentbogennische in der Ostfassade (Abb. 05).
Die Epoche des Barocks brachte starke bauliche Veränderungen mit sich, die vermutlich aufgrund einer Verwahrlosung im Zuge des Dreißigjährigen Krieges erforderlich waren. Um 1690/1692 (d) wurde die Saaldecke samt darüber liegendem Dachwerk neu errichtet und der Ostgiebel neu aufgemauert. Außerdem stammen die Fensteröffnungen der südlichen und nördlichen Saalwand sowie die unteren Turmabschnitte, Erd- und Obergeschoss, aus dieser Bauphase. Ebenso erhielt die Kirche in jener Zeit ihre heute noch bestehende Ausstattung (u.a. Gestühl, Empore, Altar).
Erst um/nach 1752 (d) wurde dann das oberste Geschoss des Turms aufgesetzt.³
Die erläuterten Bauphasen werden in Abbildung 06 grafisch dargestellt.
Die Wandmalerei
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Lokalisierung der Wandmalereien im Kirchenraum
Datierung
Nach der östlichen Erweiterung des Kirchenschifffs in der Zeit der Spätgotik bzw. frühen Renaissance (16. Jh./1. Hälfte 16. Jh.).
Darstellung & Ikonografie
Schablonenmalerei am Deckenanschluss der Süd- und Nordwand (Abb. 08, 09)
Vasenartiges Gebilde mit symmetrisch angeordneten, üppig wuchernden Pflanzenformen, eventuell stark stilisierte Blütenformen einer Distel.⁶
Schablonenmalerei am Deckenanschluss der Ostwand (Abb. 10 links, 11 rechts)
Schwerttragender Mann im Profil nach rechts gedreht, mit kurzer, geschlitzter Pumphose und engen Beinlingen, engem, nur an den langen Ärmeln etwas geweitetem, geknöpftem Wams und auf dem Kopf ein breites, federgeschmücktes Barett.⁷
Die Bekleidung der Figur entspricht der Mode des frühen 16. Jahrhunderts, wie sie auch von Landsknechten getragen wurde.
Weihekreuz, Mitte der Südwand (Abb. 12)
Griechisches Kreuz in Form des Malteserkreuzes mit verbreiterten Enden eingeschrieben in einen Kreis. Schwarze Rußspuren oberhalb legen die Verwendung mit einer Kerzenhalterung als sog. Apostelleuchter nahe.
Kunsthistorische Einordnung
Die Wandfassung mit Hilfe von selbstgefertigten Schablonen – einer Maltechnik, die sich bis ins 20. Jahrhundert erhält – kann als Arbeit eines spätmittelalterlichen, eher regionalen Malerbetriebes gelten.
Die künstlerische Darstellung des Schwertträgers mit geschlitzter Hose über engen Beinlingen zeigt sich als kostümkundliches Beispiel für den Übergang von der Spätgotik zur Renaissance.
Bestand und Maltechnik
Nachstehende Erläuterungen basieren auf den gewonnenen und verschriftlichten Erkenntnissen von Dipl.-Rest. (FH) Udo Drott im Zuge der 2018 erfolgten Befunderhebung zur Bau- und Gestaltungsgeschichte der Kirche.⁸
Die Architekturoberflächen erhielten mit Ausnahme der Ziegelsteine im Fensterbereich eine Beschichtung mit einem gräulich-braunen Kalkmörtel. Anschließend erfolgte zudem die Ausführung einer dünnen, gelblich weißen Kalktünche auf den noch frischen Putz.
Die Ziegelsteine im Laibungsrandbereich wurden glatt verfugt sowie am Übergang zum Ziegel eine Ritzung eingefügt, mit einer roten Lasur beschichtet bzw. die Laibungs- und Wandflächen gelblich weiß getüncht. Das Weihekreuz wurde mittels eingeritztem Zirkelschlag in den noch frischen Putz angelegt (Abb. 12, 13). Die Binnenflächen erhielten eine rote Fassung, vermutlich mit Mennige oder Zinnober als Rotpigment, die im Zuge der Alterung verschwärzten.
Ger_Abb_12
Südwand, Mitte, Weihekreuz
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Südwand, Mitte, Detail des oberen linken Randes des Weihekreuzes, Streiflicht. Gut erkennbar sind die noch in frischem Putz erfolgten Ritzungen zur Anlage der Konturen
Zustand
Die Kirche befand sich zum Zeitpunkt der Untersuchungen in Sanierung (Stand 2020). Derzeit wird über die zukünftige Präsentation des erhaltenen Weihekreuzes beraten. Die Schablonenmalereien sollen jedoch wieder mit einem Anstrich bedeckt werden.