Magdeburg
Kloster Unser Lieben Frauen:
Ehemalige Stiftskirche der Prämonstratenser¹
Das Gebäude
Baubeschreibung²
Bei dem Kirchenbau handelt es sich um eine dreischiffige Basilika mit Querhaus, Krypta und erhöhtem Chor. Die Krypta ist Ausgangspunkt der frühen Bauaktivität Bischof Werners, der Bauablauf wurde im 11. Jahrhundert von Osten nach Westen betrieben (Abb. 01).
Die Stiftskirche besteht überwiegend aus zweischaligem Bruchsteinmauerwerk, nur an den Untergeschossen der Turmanlage wurde das zwei Meter starke Mauerwerk in sorgfältiger Quadertechnik errichtet. Der Südteil des Querhauses schließt ostwärts mit einer Apsis ab. Das Langhaus setzt sich aus neun Jochen zusammen. Die Strebepfeiler an Obergaden und Seitenschiffen sind nachträglich angebaut. Während am Kirchenbau vielfach bauzeitliche Rundbogenfenster zu finden sind, hat der Chor mehrheitlich spitzbogige Fenster.
Die Turmgruppe mit flankierenden Rundtürmen und mächtigem Vorhallenbau hat im zweiten Quadergeschoss des Mittelbaus zwei Rundfenster (Abb. 02). Neben Lichtschlitzen sind dies die einzigen Öffnungen auf Höhe der Empore. In den beiden abschließenden Turmgeschossen wurden die Klangarkaden als Biforien gebildet.
Unter dem erhöhten Chor mit Apsis befindet sich die dreischiffige Hallenkrypta, deren Kreuzgratgewölbe auf schlanken Säulen und Halbsäulen lagert. (Abb. 03)
Die romanischen Pfeiler im Langhaus tragen die Hochschiffwände des Mittelschiffs. Später wurden sämtliche Innenwände mit Diensten und Halbpfeilern ausgestattet. Im Zuge dieser Veränderung wurden statt der bisherigen Flachdecken Kreuzrippengewölbe in Langhaus, Querhaus und Chor eingebaut. Nur in den Langhausseitenschiffen sind noch Kreuzgratgewölbe verblieben.
Im Westen trennt ein breiter Gurtbogen das Langhaus von der Westvorhalle, deren Gewölbe mit Bandrippen verziert worden ist (Abb. 04).
KULF_Abb_05
Bauphasenplan der Stiftskirche
Bauphasen und Umbauzeiten
Im 3. Viertel des 11. Jahrhunderts entstanden Stiftsklausur und Kirche mit flachgedeckter, kreuzförmiger Basilika und Hallenkrypta. Die Zweiturmfassade, die im Westen den Bau abschließt, wurde später begonnen, wohl erst im dritten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts.
Am Querhaus und an den Seitenschiffen ist um 1188 nach einem Brandschaden an Wand- und Pfeilerpartien gearbeitet und umgebaut worden. In den Jahren nach 1225 wurde der gesamte Kircheninnenraum nach gotischen Gestaltungsvorstellungen verändert. Instandsetzungen gab es nach Kriegsschäden Ende des 17. Jahrhunderts und in der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Zum Bauphasenplan siehe Abb. 05.
Die Wandmalerei
KULF_Abb_06
Lokalisierung der Wandmalereien im Kirchengebäude
Lokalisierung
Laibungsfläche des Gurtbogens zwischen Mittelschiff und Westvorhalle (Abb. 06)
Datierung
Um 1250³
Darstellung & Ikonografie
In der Laibung des Gurtbogens finden sich fünf Halbfiguren in Medaillons aufgereiht, die in den Zwickeln von stilisiertem Rankenwerk eingefasst werden (Abb. 07).⁴ Historische Fotografien von Eduard von Flottwell aus den Jahr 1891 sowie Umzeichnungen und ältere Beschreibungen helfen heute bei der näheren Identifizierung des Dargestellten (Abb. 08).⁵
Im Scheitel des Rundbogens ist die halbfigurige Gestalt des Christus Pantokrator mit ausgebreiteten Armen, segnend und ein offenes Buch vorweisend, zu sehen.
Sein Blick richtet sich auf den die Kirche ehemals betretenden Besucher. Seitlich folgen je zwei Medaillons mit halbfigurigen nimbierten Heiligen, von denen drei in antiken Rüstungen als Soldatenheilige wiedergegeben werden. Palmwedel weisen auf ihr Martyrium hin. Sie werden als Mitglieder der Thebäischen Legion angenommen, zu denen auch die Dompatrone Mauritius und Innocentius gehören.⁶ Der vierte Heilige mit reich verzierter Tunika, Mantel und Schwert lässt sich evtl. als Apostel Paulus identifizieren. Da jedoch Beschriftungen fehlen, wäre auch eine andere Zuordnung denkbar.
KULF_Abb_07
Gesamtansicht der Bogenlaibung mit mittelalterlicher Wandmalerei (bearbeitet mit Tonwertkorrektur) im Zustand Februar 2020
KULF_Abb_08a
Umzeichnung der Wandmalereien im Bereich der südlichen Laibungsseite durch Eduard von Flottwell von 1891
Kunsthistorische Einordnung
Die ästhetisch noch stark durch Malschichtreduzierungen, Vergilbungen und Vergrauungen beeinträchtige Malerei wird heute vorrangig durch ihren Umriss sowie die erhaltenen Vorzeichnungen geprägt. Hierin lässt sich eine gewisse Nähe zu den Magdeburger Putzritzungen im Domkreuzgang und an der St. Johannis-Kirche feststellen. Eine ähnliche Darstellung mit Apostelmedaillons und Christus findet sich in der Stifts- und Hofkirche in Zerbst.⁷ Eine gewisse Nähe lässt sich auch mit den zeitnahen Malereien an den Vierungsbögen des Braunschweiger Doms sowie mit der Holzdecke in St. Michael in Hildesheim erkennen, an der sich ähnliche Brustbilder in Rundmedaillons mit umgebenden Ranken erhalten haben.⁸
Bestand und Maltechnik⁹
Die Wandmalereien präsentieren sich zum Zeitpunkt der im Folgenden dargestellten Eigenschaften in einem weitreichend desolaten, erheblich reduzierten und ästhetisch stark beeinträchtigten Zustand. Im Zuge von Konservierungsmaßnahmen durch Dipl.-Rest. Thomas Groll 1996 sowie 2018 in Zusammenarbeit mit Dipl.-Rest. Marie Heyer wurde zumindest eine visuelle Erfassung und Beschreibung des Bestandes durchgeführt. Demnach liegt die Malerei auf einem stark geglätteten, kalkgebundenen Verputz. Die erste Anlage der Konturen erfolgte in Form roter Vorzeichnungen. Die Malerei ist mehrschichtig und teils pastos aufgetragen (Abb. 09, 10). Die Binnenflächen wurden in den Hauptfarben Blau, Grün und Rot gestaltet. Als Pigment für die Erstellung der grünen und blauen Farbmittel sind Kupferpigmente anzunehmen (Abb. 11). Inwieweit die rote Vorzeichnung bildgebendes Mittel z.B. als Kontur war bleibt bis dato offen. Eine abschließende Bewertung zu den verwendeten Bindemitteln ist durch den starken Überarbeitungsgrad nicht möglich. Die Bearbeiter der Konservierungskampagnen vermuten am ehesten eine Ausführung in Secco-Technik, eventuell unter Verwendung eines proteinhaltigen Bindemittels.
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Detail der Heiligendarstellung im südlichen Anschluss an den Bogenscheitel, Bestand und Zustand der Malerei nach der Konservierung 2018
KULF_Abb_10
Detail des ornamentalen Rankenwerks im Umfeld der Christusdarstellung, Bestand der Malerei und jüngere Nachzeichnungen mit Graphitstift o.ä.
Zustand
Der Zustand der Malereien ist eine Folge der seit mehreren Jahrzehnten in ungünstiger Weise bestehenden starken bauphysikalischen, klimatischen und weiteren schadbildbegünstigenden Rahmenbedingung (Abb. 07). Bereits im späten 19. Jahrhundert sowie in den 1970er/1980er Jahren wurde dem zunehmenden Verfall mit dem Eintrag spannungsreicher und bedingt alterungsbeständiger Festigungsmittel begegnet. Gleichzeitig wurde den Schadensursachen nur gering bis gar nicht Rechnung getragen. Die Folge: Belastungen durch bauschädliche Salze, Totalverluste, Entfestigungen der Substanz sowie massiv beeinträchtigende Vergilbungen und Vergrauungen. Darüber hinaus zeigt die Malereioberfläche verschiedene Übermalungen und zeichnerische Nachkonturierungen.¹⁰ Aktuell (Stand 2021) wird die Malerei restauriert.
KULF_Abb_07
Gesamtansicht der Bogenlaibung mit mittelalterlicher Wandmalerei (bearbeitet mit Tonwertkorrektur) im Zustand Februar 2020
Restaurierungsgeschichte
1890/1891
Umfangreiche Restaurierung der Kirche und fotografische Erfassung und Umzeichnung der Wandmalereien durch Eduard von Flottwell¹¹
1944/1945
Starke Beschädigung der gesamten Klosteranlage im Zuge der Bombardierung Magdeburgs¹²
1945-1949
Teil-Wiederaufbau der Kirche, dabei möglicherweise erneute Konservierung und Restaurierung der Malereien¹³
1970er/80er Jahre
Erneute Konservierung und Restaurierung der Malereien¹⁴
1996
Konservierung und Restaurierung durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg, sowie den Restauratoren Kai Fronk, Magdeburg, und Matthis Schubert, Gardelegen¹⁵
2004
Erneute Sicherungsmaßnahmen durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg¹⁶
2018
Konservierungskonzeption und Anlage von Musterflächen durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg, und Dipl.-Rest. Marie Heyer, Berlin¹⁷
Seit 2021
Restaurierung der Malereien