Magdeburg

Ehemalige Stadtpfarrkirche St. Johannis¹

Das Gebäude

Baubeschreibung²

Im Osten der Magdeburger „Altstadt“,  unmittelbar hinter dem Rathaus, steht in direkter Nähe zur Elbe der Kirchenbau von St. Johannis, genauer, was nach mehrfachen Kriegseinwirkungen vom mittelalterlichen Bau erhalten geblieben ist (Abb. 01, 02).

Der Westbau mit den beiden Türmen ist durch die Zweiturmfassade auf querrechteckigem Grundriss gekennzeichnet (Abb. 03). Die Turmfront mit Lisenen und Rundbogenfries gehört zu den ältesten erhaltenen Bauabschnitten und stammt noch aus dem 1. Viertel des 13. Jahrhunderts. Wie der Westabschluss eines Vorgängerbaus, eine um 1130 entstandene Basilika, beschaffen war, ist ungeklärt. Durch Urkunden sind romanische Vorgängerbauten bekannt und mit Hilfe von Ausgrabungen auch bestätigt worden. Den Türmen vorgelagert wurde eine Eingangshalle, die zu spätgotischen Zeiten nach 1451 angebaut worden ist.

Die Grundkonzeption der einstigen gotischen Hallenkirche ist in ihrer Unterteilung in Mittelschiff und Seitenschiffe mit ehemals sechs Jochen noch ablesbar. An das Mittelschiff schließt sich nach Osten hin der Chor an, der in einen 5/8-Polygonabschluss mündet (Abb. 04). Das Langhaus und der Chor wurden im 14. Jahrhundert unter Einbeziehung älterer Mauerwerke errichtet  und erhielten nach dem Brand von 1451 umfassende Veränderungen. In dieser Zeit wurde in alle Fenster Maßwerk eingefügt und ein oktogonaler Rundbau als Sakristei angebaut.

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Ansicht der St. Johanniskirche von Südosten vor 1631

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Ansicht der Johanniskirche von Südosten nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg, um 1968

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Ansicht der St. Johanniskirche von Nordwesten

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Ansicht auf die St. Johanniskirche von Südosten

Bauphasen und Umbauzeiten

Die Verwüstungen während des Dreißigjährigen Krieges, insbesondere durch die Erstürmung der Stadt im Jahr 1631, hatten auch die Johanniskirche schwer beschädigt. Die Instandsetzungsarbeiten dauerten bis 1669.³

Im Februar 1945 wurden bei der Bombardierung Magdeburgs das Langhaus, die Seitenschiffe und der Chor so schwer zerstört, dass die Johanniskirche über vierzig Jahre lang als Ruine im Zentrum Magdeburgs an den Krieg erinnerte. Intensive Sicherungsarbeiten an der Ruine fanden 1975-1977 statt. Der Wiederaufbau und Umbau zur Konzerthalle erfolgte von 1998 bis 2004 (Abb. 05).

Zum Baualtersplan siehe Abb. 06.

Die Putzritzung

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Ursprüngliche Lokalisierung des im Text beschriebenen Fragmentes der Putzritzungen an der St. Johanniskirche

Lokalisierung

Die Johanniskirche wies ehemals an ihrer Südfassade, der Fassade der östlichen Abschlusswand des Südseitenschiffs und der des Chorpolygons in einer für die Fernsicht gedachten Höhe von etwa 15 Metern einen Zyklus szenischer Darstellungen auf. Dieser wurde 1892 weitgehend zerstört und die wenigen Reste übertüncht. 1975 bei Sicherungsarbeiten abgenommen, findet sich ein im Folgenden näher beschriebenes Fragment des Zyklus heute in der Dauerausstellung des Kulturhistorischen Museums (Inv.-Nr. 04:1). Es stammt von der östlichen Abschlusswand des Südseitenschiffs (Abb. 07).

Datierung

Spätes 13. Jahrhundert

Darstellung & Ikonografie

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Gesamtansicht des erhaltenen Bestandes der abgenommenen Putzritzung im Auflicht in seiner heutigen Präsentation im Kunsthistorischen Museum Magdeburg

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Gesamtansicht des erhaltenen Bestandes der abgenommenen Putzritzung im Streiflicht in seiner heutigen Präsentation im Kunsthistorischen Museum Magdeburg

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Fotoreproduktion einer Orthofotografie der beschriebenen Putzritzung an ihrer ursprünglichen Position

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Umzeichnung des Bereichs, aus dem die beschriebene Putzritzung stammt

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Ursprüngliche Lokalisierung des im Text beschriebenen Fragmentes der Putzritzungen an der St. Johanniskirche

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Orthofotografie der ursprünglichen Putzritzungen an der Johanniskirche, nicht erhaltener Teilbereich oberhalb eines Chorfensters mit Darstellungen eines Bischofs und eines Frieses mit halbfigurigen Einzelpersonen

Das erhaltene Fragment einer figürlichen Darstellung zeigt das Brustbild eines bärtigen Mannes mit Krone, der seinen rechten Arm schwörend oder gestikulierend erhoben hat (Abb. 08, 09). Ein historisches Foto ergänzt links, durch eine Säule getrennt, einen weiteren, ihm zugewandten König, wobei beide unter Arkaden stehen (Abb. 10, 11). Oben und unten von Palmetten- und Blattfriesen eingefasst, erinnert die Darstellung stark an die Putzritzung am Ostflügel des Domkreuzganges.

Die weiteren, anhand der historischen Fotografien und Umzeichnungen überlieferten Darstellungen, die in mehreren Bildzonen übereinander angeordnet waren, sollen hier nur aufgezählt werden. Zur Buchstabenabfolge und Verortung der Darstellungen siehe Abb. 07.

 

N:  Grablegung Christi, darunter Kreuzabnahme Christi (?)

M:  ein Mann wendet sich vier Männern entgegen

K:

  • in Fortsetzung zu J drei Könige unter Arkaden, darunter Palmettenfries
  • drei weitere Personen (Könige?) unter Arkaden, der mittlere gekrönt und mit Palmwedel (Motiv setzt sich mit einer weiteren Person links auf dem Strebepfeiler L fort), darunter Palmettenfries
  • fünf Personen mit erhobenen Armen, nach links gerichtet (Motiv setzt sich auf dem Strebepfeiler L nach links fort)
  • drei nebeneinander liegende Männer auf einem Bett, evtl. Tote, rechts ein stehender Mann mit Schwert

J:

  • in Fortsetzung zu K zwei Könige unter Arkaden (siehe oben), darunter Palmettenfries
  • zwei Männer mit Lanzen (?), darunter Palmettenfries
  • zwei an einem Tisch sitzende Männer evtl. Brettspieler
  • Rad der Fortuna

H:

  • Fries aus drei halbfigurigen oder sitzenden Männern zwischen vertikalen Bändern bzw. Säulen, darunter ein Zickzackfries
  • stehender und segnender heiliger Bischof im Ornat mit Nimbus, seitlich ein halbfiguriger Engel, in ein Horn blasend (Abb. 12)
  • Fabeltier¹⁰, darunter senkrecht verlaufender Palmettenfries

G:  stehender Mann nach rechts (nur fragmentarisch)

Nicht sicher zuordnenbar: Engel mit Weihrauchfass¹¹

Kunsthistorische Einordnung

Die vor der Zerstörung 1892 vom Fotografen Eduard von Flottwell nachbearbeiteten, historischen Fotos und Umzeichnungen geben einen vagen Eindruck der reichhaltigen und auf Fernsicht ausgerichteten, einstigen Putzritzungen wieder. Nach den Arbeiten im Domkreuzgang, die wenigstens in Teilen vorbildhaft gelten können, dürften diese durch ihre herausgehobene Lage an einer wichtigen Handelsstraße mit Brücke über die ebenfalls als wichtigen Verkehrsweg genutzte Elbe sicherlich eine noch größere Breitenwirkung erzielt haben.

Wenn auch nicht mehr vor Ort erhalten, sprechen vor allem die überlieferten Fotografien und Bestandszeichnungen von einem reichen Bildprogramm, das sich heute nicht mehr sicher auflösen lässt.¹²
Wie im Domkreuzgang handelt es sich hier ebenfalls um eine Putzritzung, eine technische Sonderform der mittelalterlichen Wandmalerei, die sich besonders für Präsentationen an Außenwänden anbot.¹³ Inwieweit dabei die eingetieften Ritzungen durch nachträgliche Farbgebung verdeutlicht wurden, lässt sich allerdings nicht mehr sicher klären.

Bestand und Herstellungstechnik

Es handelt sich um eine 1975 von der Kirchenfassade abgenommene Putzritzung, die anschließend auf einen neuen Träger aus glasfaserverstärktem Kunststoff gebracht wurde. Der ursprüngliche Fassadenverputz wurde in mehreren Arbeitsportionen gemäß den Gerüsthöhen aufgetragen (Abb. 13). Bereits bei der Abnahme war die Oberfläche stark korrodiert.¹⁴

Die geglättete Putzoberfläche wurde für die Anlage des Hintergrundes zurückgearbeitet, so dass diese Bereiche dann rauer und im Farbwert dunkler standen. Für eine abschließende farbige Akzentuierung der Putzritzungen sprechen dunkelrote Farbfragmente, die jedoch der Entstehungszeit nicht eindeutig zugeordnet werden können (Abb. 14, 15).¹⁵ Die gesamte Putzritzung wird ästhetisch stark von den Maßnahmen während und nach der Abnahme dominiert. Hierzu gehören u.a. weiße und schwarze Nachzeichnungen (Abb. 15).¹⁶ Sie greifen die ursprüngliche Konturierung auf, verfremden die beabsichtigte Anatomie aber deutlich.

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Detail aus Abb. 08 mit einer im erhaltenen Fragment der Putzritzungen waagerecht verlaufenden Putzgrenze

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Detail der Hand in Abb. 08. Die Ritzungen in der bereits zum Zeitpunkt der Abnahme 1975 stark zurückgewitterten Putzoberfläche wurden mit weißen Linien nachgezeichnet. Diese Maßnahme wurde mittels schwarzer Linien nochmals, vermutlich im Rahmen der Restaurierung 1980, wiederholt

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Detail der Hand in Abb. 08. Die schwarzen Nachzeichnungen (vermutlich um 1980) entsprechen kaum noch der ursprünglichen Anatomie. Im Bereich des Handballens haben sich rote Farbfragmente erhalten, die auf eine ursprüngliche farbige Akzentuierung der Binnengliederungen hindeuten könnten. Analysen hierzu fanden bislang nicht statt.

Zustand

Die Putzritzung befindet sich museumsbedingt in sehr vorteilhaften Umgebungsbedingungen. Jedoch weist sie zahlreiche Schadensbilder auf, die auf die Alterung und Zersetzung der Festigungsmittel von 1980 zurückzuführen sind.¹⁷

Restaurierungsgeschichte

1892
Fotografische Dokumentation der Putzritzungen durch Eduard von Flottwell¹⁸ vor der großflächigen Zerstörung und Überdeckung ¹⁹

1944/45
Weitreichende Zerstörung des Kirchenbaus durch die Bombardierung Magdeburgs im zweiten Weltkrieg ²⁰

1975
Abnahme verschiedener Fragmente der Putzritzungen durch die VEB Denkmalpflege Magdeburg ²¹

Nach 1980
Konservierung und Restaurierung durch das Institut für Denkmalpflege Halle und Überführung in das Kunsthistorische Museum Magdeburg ²²