Magdeburg
Dom St. Mauritius und St. Katharina: Redekin-/Allerseelenkapelle
Das Gebäude
Baubeschreibung
Innerhalb der Magdeburger „Altstadt“ nimmt der Dom eine zentrale Stellung ein und war über Jahrhunderte das Wahrzeichen der Metropole Magdeburg (Abb. 01).
An der östlichen Fassadenseite des Kreuzgang-Ostflügels, am fünften Joch des Remters befindet sich auf quadratischem Grundriss ein ungewöhnlicher zweigeschossiger Anbau im Winkel zwischen Remter und Marienkapelle (Abb. 02). Im Erdgeschoss dieses Anbaus ist der örtlichen historischen Überlieferung nach die so genannte Redekinkapelle lokalisiert. Johann Redekin, der seit 1391 auch Magdeburger Domherr war, vereinigte Pfründen in mehreren Stiften auf seine Person und war seit 1401 Dekan des Magdeburger Domkapitels. Die Allerseelenkapelle diente ihm als letzte Ruhestätte. (Abb. 04) Das Mauerwerk setzt sich wie auch an der Marienkapelle aus unregelmäßigem Bruchstein (Grauwacke, Sandstein) zusammen. Ein spitzbogiges dreibahniges Maßwerkfenster mit Fischblasenmotiv belichtet das kleine Geviert. Die Decke wurde als vierteiliges Kreuzgratgewölbe gefertigt, das auf zylinderförmigen Konsolsteinen lagert. Das Gewölbe besteht aus Backsteinenn.¹ Im Obergeschoss wird der Raum durch ein Sterngewölbe überwölbt. (Abb. 03)
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Baualtersplan im Maßstab 1:500 mit den Bauteilen, die mittelalterliche Wandmalereien aufweisen. Die Redekinkapelle befindet sich rechts außen (rot).
Bauphasen und Umbauzeiten²
Eine Urkunde vom 13. Januar 1405 bestätigt eine Altarstiftung.³ Das Obergeschoss soll erst später, wohl um oder nach 1449 aufgesetzt worden sein.⁴
Seit 1822 wurde der Anbau als Provinzialarchiv genutzt, als Arbeitszimmer des Archivars, später dann als Büro des Provinzialkonservators.⁵
Die Wandmalerei
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Lokalisierung der Wand- und Gewölbemalereien in der Redekinkapelle
Lokalisierung
Gewölbe, Nord-, Ost- und obere Westwand (Abb. 05).
Datierung
Um 1405 gestiftet durch den Domdekan Johann von Redekin.⁶
Darstellung & Ikonografie
In den erhaltenen Wandmalereien finden sich vielfigurige, teils szenische Darstellungen der christlichen Heilsgeschichte sowie Wappen, Architekturen und Ornamentformen (Abb. 06-15).
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Detail der Nordwand mit den Verdammten, die in den Höllenschlund gebracht werden sowie links davon der Stier als Symbol des Evangelisten Lukas
Nordwand (Abb. 06)
Darstellung des Jüngsten Gerichts, vertikal unterteilt in himmlische, mittlere und irdische Zone:
Mitte:
frontal thronender Christus mit Kreuznimbus als Weltenrichter auf einem Regenbogen
Rechts:
Johannes der Täufer mit Nimbus und im Fellkleid, gefolgt von einer dicht gedrängten Gruppe aus sechs nimbierten Aposteln⁷
Links:
ursprünglich Maria, vermutlich ehemals ebenfalls gefolgt von sechs Aposteln (alle nicht erhalten)
Christus, Maria und Johannes der Täufer eingefasst in einem blauen Vierpass, der in den Zwickeln Evangelistensymbole mit Schriftbändern zeigt (im Uhrzeigersinn, oben links beginnend): Johannes (Adler), Matthäus (Engel), Lukas (Stier) und ehemals Markus (Löwe), der heute nicht mehr erhalten ist.
Unter den Aposteln, getrennt durch illusionistische, mit Perlfries verzierte Rahmenlinien (nur der rechte Teil erhalten) die mittlere Zone:
Rechts:
Schar der Verdammten und Teufel vor dem Höllenschlund (Abb. 07)⁸
Links:
Fragment der Seligen und zum Paradies Aufsteigenden⁹
Unterer Wandabschnitt, getrennt durch Rautenfries, irdische Zone mit Auferstehung:
Rechts:
schattenhaft fragmentarisch erhaltene Teufelsfiguren
Mitte:
betende Auferstehende, die wohl gerade aus ihren Gräbern steigen¹⁰, und zwei Engel, die die Auferstehenden in Selige und Verdammte scheiden.¹¹
Links:
eine Schar nach oben blickender, anbetender Seliger, darüber kleinere Selige oder Seelen, die durch schwebende Engel empor getragen werden (Abb. 08).
Ostwand (Abb. 09)
Rechts:
Wappen des Stifters Johann von Redekin dem Älteren¹²
Darunter:
mehreckige Baldachinarchitektur über der am Betpult knienden Maria einer Verkündigung, die Taube des Heiligen Geistes dicht neben ihrem Kopf herabschwebend.
Die übrige Wandmalerei ist nur fragmentarisch erhalten, darunter der Kopf eines oder einer Heiligen in der südlichen Fensterlaibung.¹³
Westwand (Abb. 10)
Am nördlichen Wandabschnitt zeigen sich üppig gemalte Kriechblumen (Krabben) um den Spitzbogen sowie eine Architekturmalerei, vielleicht ein Strebepfeiler.¹⁴
Gewölbe (Abb. 11)
Vier einander jeweils zugewandte Engelpaare ergänzen die Darstellung des Jüngsten Gerichts sowie das Gesamtprogramm der Kapelle¹⁵:
Nord: Engel, die in lange Posaunen blasen (Abb. 12)
Ost: Engel mit Arma Christi (Kreuz, Lanze und Dornenkrone) (Abb. 13)
Süd: Engel mit Arma Christi (Essigschwamm an Stab und Nägel) (Abb. 14)
West: Engel mit Arma Christi (Geißel und Martersäule) (Abb. 15)
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Gesamtansicht des Gewölbes mit den vier bemalten Gewölbekappen, Norden entspricht der oberen Bildkante
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Teilansicht der östlichen Gewölbekappe im ultravioletten Licht mit Engeln, die die Marterwerkzeuge Dornenkrone, Lanze und Kreuz tragen
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Gesamtansicht der Südlichen Gewölbekappe mit Engeln, die die Marterwerkzeuge Geißel sowie Stab mit Essigschwamm halten
Kunsthistorische Einordnung
Die Ausmalung der Redekinkapelle erfolgte im Stil der internationalen Gotik, wobei sich sowohl Nähe zu franko-flämischer, wie auch zu böhmischer Kunst feststellen lässt. Wie Maria Deiters basierend auf weiterem Forschungsstand vermutet, dürften die Maler aus einer regionalen, in Magdeburg zu lokalisierenden Werkstatt stammen.¹⁶ So zeigen sich die qualitätvollen, zierlichen Gewölbeengel der böhmischen Hofkunst verbunden,
während die etwas realistischeren Gesichter der Auferstehenden stilistisch der westlichen Kunst näher stehen. Dabei überzeugt die eher grafische Malerei durch Vielfalt und Detailreichtum. Da die Ausmalung das einzige erhaltene Zeugnis der Malerei um 1400 in Magdeburg darstellt, kann ihr historischer Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Bestand und Maltechnik¹⁷
Auf einem Kalkputz, der oberflächlich mit einer Kelle geglättet wurde, erfolgte der Auftrag einer Kalktünche als Grundierung. Für diese wurde 1969 durch das Institut für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Halle, die Beimengung des Pigments Bleiweiß analysiert.¹⁸ Rippen und Konsolen waren zunächst noch steinsichtig geblieben.¹⁹ Auf der so erstellten Oberfläche wurde ein intensiv roter Fondton aufgetragen, der für das heutige Gesamterscheinungsbild prägend ist. Ursprünglich war dieser größtenteils mit der bildgebenden Malschicht abgedeckt. Die dominierende Farbgebung der Hintergründe im Gewölbe entsprach einem kräftigen Blau, das heute überwiegend verloren ist.
Eine schwarze Pinselzeichnung diente zur ersten Anlage der Malerei.²⁰ Diese weist sowohl stilistisch als auch herstellungstechnisch eine hohe Korrespondenz zur zeitgenössischen Tafelmalerei auf.²¹
Es handelt sich um eine Maltechnik, die möglicherweise freskal begonnen, jedoch sehr wahrscheinlich unter Zusatz organischer Bindemittel fertiggestellt wurde. Hierfür sprechen der Schichtenaufbau, die Malweise und die verwendeten Pigmente.²² Maltechnisch erscheint dies aufgrund der detailreichen, feingliedrigen und aufwändigen Ausführung der Binnenzeichnung sowie teils lasierend erscheinender Malschichtbereiche als sehr wahrscheinlich (Abb. 07, 08, 16-21). Zu den 1969 nachgewiesenen Pigmenten gehörte unter anderem Zinnober, Mennige, Malachit, Azurit und Holzkohle.²³ Die ursprüngliche Fassung der Steinoberflächen lässt sich nicht mehr nachvollziehen.
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Detail der Nordwand mit den Verdammten, die in den Höllenschlund gebracht werden sowie links davon der Stier als Symbol des Evangelisten Lukas
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Detail der Nordwand mit den Auferstandenen, die von Engeln in den Himmel getragen werden
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Detail aus Abb. 07 an der Nordwand, einer der Verdammten wird auf dem Rücken einer teufelsähnlichen Figur in den Höllenschlund getragen
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Detail aus Abb. 08 an der Nordwand mit der Figur eines betenden Auferstandenen, der in den Himmel getragen wird
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Detail aus Abb. 08 an der Nordwand mit dem Teil einer Figur eines Auferstandenen, der von einem Engel in den Himmel getragen wird
Zustand
Monitoring- und Pflegemaßnahmen der Jahre 1998 und 2010 ergaben eine nachhaltige Wirkung der Konservierung von 1969/1970. Seit spätestens 1998 treten allerdings erneut Feuchteschäden im damals verputzten unteren Wandbereich auf.²⁴
Restaurierungsgeschichte
Um 1858
Freilegung²⁵
Um 1944/45
Schäden an der Kapelle durch Kriegseinwirkung²⁶
1966/67
Kleinteilige Sicherung eines handtellergroßen Malereibereichs²⁷
1969/70
Konservierung und Restaurierung durch das Institut für Denkmalpflege Halle (Saale) und bulgarische Fachkollegen, dabei auch Nachfreilegung²⁸
1998
Zustandsbeurteilung durch Dipl.-Rest. Heinz-Peter Schmidt, Groß Rodensleben²⁹
2010
Zustandsbeurteilung sowie konservatorisch-restauratorische Maßnahmen durch Dipl.-Rest. Thomas Groll, Magdeburg³⁰