Schwanefeld

Evangelische Dorfkirche St. Nicolai

Das Gebäude

Baubeschreibung

Die evangelische Pfarrkirche St. Nicolai steht inmitten des Dorfes Schwanefeld und entspricht in ihrer Bauform dem weit verbreiteten Typus der romanischen Saalkirche mit Westturm (Abb. 01, 02).

Als Baumaterial wurde Keupergestein aus der Gegend um Walbeck oder aus dem Allertal verwendet. Im Vergleich zum Saalbau ist das Lagenmauerwerk des Turmes sorgfältiger geschichtet. In der Nord- und Südfassade des Kirchenschiffes gibt es jeweils eine bauzeitliche Türöffnung.

Der Kirchenbau ist nicht mehr vollständig erhalten. Anhand der großen zugesetzten Bogenöffnung (des so genannten Triumphbogens) an seiner Ostwand und der am Mauerwerk der Ostfassade heute noch ablesbaren ehemaligen Mauereinbindungen lässt sich erkennen, dass die Kirche ursprünglich über einen eingezogenen Chor mit Apsis  verfügt haben muss.

Der Kirchensaal hat im Innenraum die lichten Maße von 18m x 9m (Abb. 03). Seine romanischen Fensteröffnungen haben sich vielfach erhalten. In der Ostwand des Turmes liegen mittig übereinander zwei Türöffnungen: Das ebenerdige Portal als Zugang zum Kirchenraum und im ersten Obergeschoss die Tür zur Empore, die inschriftlich auf 1677 datiert ist. Das Gebäude wird derzeit saniert, seine Ausstattung ist daher aktuell unvollständig. Der Innenraum ist teilweise ohne Putz und der Fußboden in unterschiedlichen Höhenebenen vorhanden.

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Ansicht auf das Kirchengebäude von Südosten

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Ansicht auf das Kirchengebäude von Nordosten

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Blick in den Kirchenraum nach Osten

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Baualtersplan der Kirche in Schwanefeld

Bauphasen und Umbauzeiten¹

Nach bisherigen Erkenntnissen lässt sich die bauzeitliche Fertigstellung des romanischen Saales nicht eindeutig datieren. Der Bau ist wahrscheinlich zwischen 1208 und 1220 errichtet worden. Die hoch ansetzenden romanischen Rundbogenfenster gehören in die Zeit des beginnenden 13. Jahrhunderts, sind aber teilweise später überarbeitet worden. Die Zusetzung der nördlichen bauzeitlichen Tür könnte im Laufe des 17. Jahrhunderts mit Einbau der Empore (1677) erfolgt sein. Möglicherweise wurden Chor und Apsis während des Dreißigjährigen Krieges beschädigt und deshalb abgerissen. Der Turm wurde in drei Bauphasen nach und nach erbaut. Die vertikalen Baunähte weisen darauf hin, dass der Turm in späterer Zeit als der Saalbau errichtet sein muss. Im Laufe der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts baute man den Turm bis auf die Deckenbalkenhöhe vom 2. Obergeschoss. Um 1365 wurde der ehemalige Fachwerkaufsatz in Steinwerk erneuert. Das Glockengeschoss des Turmes mit den Segmentbogenfenstern ist um oder nach 1512 entstanden.

Zum Baualtersplan siehe Abb. 04.

Die Wandmalereien

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Lokalisierung der im Text beschriebenen mittelalterlichen Gestaltungssysteme gemäß der Befunduntersuchung durch Dipl.-Rest. Udo Drott 2014/2015 und 2019

Lokalisierung

Südliche Ostwand und östliche Südwand (Abb. 05)

Datierung

Gestaltungsphase Romanik:
1. Viertel 13. Jahrhundert²

Gestaltungsphase Frühgotik:
2. Hälfte 13. oder 1. Hälfte 14. Jahrhundert

Darstellung & Ikonografie

Von der romanischen Wandgestaltung haben sich an der Ostwand nur geringe Spuren zweier plastisch stuckierter Nimben erhalten, die auf eine ursprüngliche figürliche Darstellung mit Heiligen verweisen.
Reste frühgotischer Wandmalerei finden sich dagegen sowohl an der Ostwand als auch an der Südwand. Hierbei handelt es sich neben ornamentaler und steinimitierender Gestaltung um zwei Fragmente figürlich-biblischer Malerei.³

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Romanische Stucknimben unterhalb des Kämpfers im Bereich der südlichen Ostwand

Ostwand, Gestaltungsphase Romanik (Abb. 06)

Während der rechte Nimbus plastisch als Kreuznimbus mit dazwischen eingeschobener radialer Verzierung gestaltet ist, weist der linke Nimbus kleine Kreuze und Punkte auf. Die unterschiedlich hohe Anordnung beider Nimben könnte für eine Darstellung der Krönung Mariens sprechen, wobei der Kreuznimbus eindeutig Christus zuzuschreiben ist.

Ostwand, Gestaltungsphase Frühgotik (Abb. 07, 08, 09)

Fragmentarisch erhalten hat sich an der oberen südlichen Ostwand die mit Rahmenlinien eingefasste Auferstehung Christi. Dabei erhebt sich Christus aus dem offenen Sarkophag und tritt mit seinem rechten Bein über den schräg davor liegenden losen Deckel. Mit seiner linken Hand hält er den Kreuzstab, während seine rechte Hand angewinkelt vor die Brust geführt ist. Links hinter dem offenen Grab ist in Resten ein geflügelter Engel mit Nimbus zu sehen. Am vorderen Bildrand sind fünf bewaffnete, schlafende Wächter in zeitgenössischen Rüstungen erkennbar.

Um den vermauerten Chorbogen hat sich ein mehrfarbiger Palmettenfries zwischen dunkelbrauen Rahmenlinien erhalten. Dieser setzt sich unter den Kämpfergesimsen fort. Dort ist in geringen Resten eine Architekturfassung mit Steinimitationsmalerei für diese Zeit nachgewiesen.

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Freigelegte figürliche Wandmalerei der frühgotischen Gestaltungsphase oberhalb des Kämpfers im Bereich der südlichen Ostwand

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Umzeichnung der freigelegten figürlichen Wandmalerei der frühgotischen Gestaltungsphase in Abb. 0

Sch_Abb_09

Freigelegtes frühgotisches Palmettenfries als Begleitung des ehemaligen Triumphbogens

Sch_Abb_10

Freigelegte figürliche Wandmalerei der frühgotischen Gestaltungsphase an der Südwand

Südwand, Gestaltungsphase Frühgotik (Abb. 10)

Durch eine weitere Freilegung 2019 wurde im Bereich zwischen den beiden östlichen Fenstern ein nimbierter, bärtiger Mann in kostbarer Gewandung und mit einem Stab sichtbar, der schräg nach links empor blickt. Da stilisierte Sterne das Geschehen zu einer nächtlichen Szene machen, könnte es sich möglicherweise um einen der drei Heiligen Könige handeln. Während das Bild nach oben durch einen waagerechten Palmettenfries abschließt, lässt sich die waagrecht gestreifte Kugel auf Kopfhöhe rechts bisher nicht deuten.

Kunsthistorische Einordnung

Die Verteilung der Wandmalereireste im heutigen Kirchenraum sprechen dafür, dass sich in der Kirche von Schwanefeld ehemals ein größerer Malereizyklus befunden haben muss. So zeugen von der älteren, romanischen Wandfassung heute nur noch die beiden Nimben. In Wandmalereien integrierte, plastisch gestaltete Partien finden sich im Mittelalter immer wieder, wobei Stucknimben dabei am häufigsten vorkommen.

Das Motiv eines an der Südwand wiedergegebenen Mannes mit erhobenem Blick und in Richtung eines imaginären Sterns weisenden Arms findet sich ähnlich in frühen Darstellungen der Heiligen drei Könige.¹⁰

Für die Auferstehung Christi lässt sich bisher kein genaues Vorbild, aber durchaus ähnliche Darstellungen mit schräg stehendem Grabdeckel und Christus im Moment des Entsteigens finden. Der relativ große Engel verweist bereits auf die folgende Szene der drei Frauen am Grab. Besonders interessant und so kaum dargestellt sind allerdings die Soldaten in ihren Kettenhemden und frühen Helmformen.¹¹ Wenn auch weitgehend nur in seiner Vorzeichnung erhalten, spricht gerade diese Abbildung für das fachliche Können des Malers.

Bestand und Maltechnik¹²

Bereits im Zuge der Gestaltungsphase Romanik erfolgte zunächst eine hell rötliche sowie danach eine hell bräunliche, kalkgebundene Fassung der Kämpfer. Die Mauerwerkssteine am Übergang von Wandfläche zum ehemals anschließenden Chor blieben unterhalb des Kämpfers unverputzt und erhielten eine bräunliche Steinimitationsmalerei. Die Wandflächen wurden mit einem rötlich weißen Kalkmörtel beschichtet. Dieser Gestaltungsphase zuzuordnen sind zwei Nimben aus Hochbrandgips auf der südlichen Ostwandfläche aus dieser Zeit erhalten, die ursprünglich mindestens zum Teil vergoldet waren (Abb. 06).

In der Zeit bis zur frühgotischen Neugestaltung erfolgte noch mindestens zwei weitere Male die Beschichtung der Putzflächen mit Kalktüncheanstrichen. Vor Ausführung der figürlichen Wandmalerei wurden sie grob zurückgearbeitet. Aus der hierauf folgenden Gestaltungsphase Frühgotik haben sich im Wesentlichen als erste Anlage der Komposition die roten Vorzeichnungen und wenige rote und gelbe Binnenflächen der figürlichen Wandmalerei erhalten. Sie galten der ersten Anlage der Komposition (Abb. 07, 08). Anschließend wurden die Wandmalereien in Secco-Technik auf dem bereits vollständig abgebundenen romanischen Kalkputz aufgetragen. Begleitend zum Triumphbogen lässt sich ein ähnlich angelegter Palmettenfries nachweisen, bei dem sich über die Vorzeichnung hinaus auch rote, gelbe, braune und grüne Binnenflächen fragmentarisch erhalten haben (Abb. 09).

Sch_Abb_06

Romanische Stucknimben unterhalb des Kämpfers im Bereich der südlichen Ostwand

Sch_Abb_07

Freigelegte figürliche Wandmalerei der frühgotischen Gestaltungsphase oberhalb des Kämpfers im Bereich der südlichen Ostwand

Sch_Abb_08

Umzeichnung der freigelegten figürlichen Wandmalerei der frühgotischen Gestaltungsphase in Abb. 0

Sch_Abb_09

Freigelegtes frühgotisches Palmettenfries als Begleitung des ehemaligen Triumphbogens

Zustand

Die freigelegten figürlichen Wandmalereibereiche erscheinen weitestgehend stabil. Sie wurden im Zuge der Freilegung auch konservatorisch bearbeitet und sollen zukünftig präsentiert werden. ¹³

Restaurierungsgeschichte

2014/15
Restauratorische Befunduntersuchung durch Dipl.-Rest. Udo Drott¹⁴

2019
Fortsetzung der Befunduntersuchungen v.a. im Bereich der Ostwand ¹⁵