Wolmirstedt

Schlosskapelle

Das Gebäude

Baubeschreibung¹

Die Schlosskapelle ist in ihrem Grundriss ein rechteckiger Bau, der unter Einbeziehung der inneren Ringmauer der Oberburg im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts entstanden ist (Abb. 01). Sie hat eine Größe von 22,5 m x 10 m, ist in drei Joche untergliedert und wurde fast vollständig aus Backstein errichtet (Abb. 02).

Die Außenfassade ist an allen vier Seiten als Sichtfassade unterschiedlich repräsentativ gestaltet. An drei Fassadenseiten öffnen breite profilierte Fensteröffnungen aus gotischer Zeit das Mauerwerk und ermöglichen einen lichtvollen Raum. In der Südfassade befindet sich unterhalb des mittleren Fensters der Hauptzugang mit durchbrochenem Blendmaßwerk aus einer Wirbelrosette mit Fischblasen.

Der helle einschiffige Saal wird in seiner Erscheinung durch die großen Fenster und zahlreiche Nischen geprägt. Oberhalb dieser Wandnischen gibt es Laufgänge, die entlang der Umfassungswände innen vorgelegt worden sind und durch Treppen erreicht werden können (Abb. 03). Die Strebepfeiler befinden sich an der Innenseite der Längswände. Sie sind im Erdgeschoss durch gewölbte Nischen miteinander verbunden. Von den Pfeilern aus überspannten einst Kreuzrippengewölbe die Kapelle, deren Gewölbeanfänger in Resten noch vorhanden sind. Die Gewölbe sind wohl Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund statischer Schwierigkeiten zurückgebaut worden.

Die als Kehlbalkendach konzipierte Dachkonstruktion mit doppelt stehendem Stuhl und Kreuzverstrebung gehört zum Ursprungsbau, wurde aber mehrfach repariert (Abb. 04).

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Schloss Wolmirstedt, Ansicht von Südosten, nach Gebhard von Alvensleben 1665 (Quelle: Museum Wolmirstedt)

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Blick auf die Schlosskapelle von Südwesten

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Blick in den Kircheninnenraum nach Westen

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Blick in den westlichen Dachraum der Schlosskapelle

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Baualtersplan der Schlosskapelle (Plangrundlage: Archivbestand des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, bearbeitet durch Karlson 2020)

Bauphasen und Umbauzeiten

In den späten achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts war der Bau sicher soweit fertig, dass darin Gottesdienste stattfanden.

In der Zeit zwischen 1575 und 1582 und um 1630 erfolgten weitere Umgestaltungen der Schlosskapelle mit erneuerten Giebelaufbauten und großen Fenstern im Westerker. Seit dem 18. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Kapelle als Scheune benutzt. Nachdem Ferdinand von Quast² die wertvolle Architektur der Schlosskapelle 1856 erkannt hatte, erfolgten grundsätzliche Sicherungsarbeiten in den Jahren um 1907 (Zuganker), 1974-1979 und 1993 (Dachwerk).³

Zum Baualtersplan siehe Abb. 05.

Die Wandmalerei

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Lokalisierung der mittelalterlichen Architekturfassung (Plangrundlage: Archivbestand des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, bearbeitet durch Pieper 2020)

Lokalisierung

Südliche, westliche und nördliche Wandflächen des Innenraums (Abb. 06). Von der im 19. Jahrhundert noch vorhandenen Bemalung der insgesamt sechs eingetieften Medaillons an den beiden Giebelfassaden hat sich heute nichts mehr erhalten.

Datierung

Erste Architekturfassung mit Weihekreuzen:
um 1480-1490

Figürliche und floral-ornamentale Wandmalerei:
um 1500

Darstellung & Ikonografie

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Weihekreuz im Bereich der Südwand des westlichen Jochs

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Ansicht auf die Südwand des mittleren Jochs mit der von Dipl.-Rest. Anja Romanowski 2004 erstellten Umzeichnung (schwarze Konturierung). Dargestellt sind fünf nicht mehr genau zu identifizierende Figuren

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Ansicht auf die westliche Seite des westlichen Jochs der Südwand mit der von Dipl.-Rest. Anja Romanowski 2004 erstellten Umzeichnung (schwarze Konturierung). Dargestellt ist ein sitzender, behelmter Soldat mit Lanze neben dem Grab Christi

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Ansicht auf die südliche Seite der Westwand mit der von Dipl.-Rest. Anja Romanowski 2004 erstellten Umzeichnung (schwarze Konturierung). Dargestellt ist der Heilige Mauritius mit Adlerschild und Fahnenstange

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Westliche Nische der Nordwand, westlicher Abschnitt der Bogenlaibung mit Rankenmalerei und stilisierten Blüten

Die vier Medaillons der Westfassade waren nachweislich mit den vier Evangelistensymbolen ausgemalt.
Im Zuge der ersten Architekturfassung war das Innere der Schlosskapelle zunächst weiß getüncht, wobei hervorgehobene Bauteile wie Lisenen, Rippen, Türumrahmungen und Fenstergewände in dunklem Rot hervortraten. Hiervon haben sich noch vier der ursprünglichen Weihekreuze in Gestalt von roten Malteserkreuzen in roten Kreisen erhalten.
Zur zweiten Gestaltungsphase gehören die vegetabilen, teils floralen Rankenmalereien sowie figürliche, teilweise szenisch angelegte Darstellungen, die heute nur noch vereinzelt und schwer erkennbar sind (Abb. 07 bis 11). Im östlichen Bereich der Kapelle lassen sich hingegen keine ornamentalen oder figürlichen Bemalungen feststellen:

Südwand des mittleren Jochs (Abb. 08)

Am Wandfeld des Eingangsportals zeigen sich geringe Reste einer fünffigurigen Szene, die sich nicht mehr klar identifizieren lässt.

Südwand, Strebepfeiler zwischen mittlerem und westlichem Joch

An beiden Seitenwänden des Strebepfeilers wachsen Pflanzenranken mit kräftigen Blattformen, Knospen und einer großen Fantasieblüte empor.

Südwand des westlichen Jochs (Abb.09)

Während sich die Rankenmalerei östlich des Fensters und im unteren Wandbereich fortsetzt, lässt sich in der Wandfläche unter dem Fenster ein wohl neben dem Grab Christi sitzender, behelmter Soldat mit Lanze identifizieren. Damit ließe sich die Darstellung vermutlich als Auferstehung Christi deuten. Rechts daneben auf dem Mauervorsprung ist ein nimbierter Heiliger wohl frontal stehend wiedergegeben.¹⁰

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Ansicht auf die südliche Seite der Westwand mit der von Dipl.-Rest. Anja Romanowski 2004 erstellten Umzeichnung (schwarze Konturierung). Dargestellt ist der Heilige Mauritius mit Adlerschild und Fahnenstange

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Westliche Nische der Nordwand, westlicher Abschnitt der Bogenlaibung mit Rankenmalerei und stilisierten Blüten

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Mittlere Nische der Nordwand, westlicher Abschnitt der Bogenlaibung mit Rankenmalerei und stilisierter Blüte

Südliche Westwand

Auf dem südlichen Mauervorsprung ist eine nicht näher zu identifizierende, stehende Person mit Nimbus abgebildet. An der Stirnwand seitlich der westlichen Erweiterung schließt sich ebenfalls als stehende Einzelfigur auf einer ovalen Bodenscheibe der Heilige Mauritius mit Adlerschild und Fahnenstange an, der von Pflanzenwuchs eingerahmt wird (Abb.10). In dem spitzbogig eingefassten Tympanon darunter hat sich eine Blattranke vor weißem Grund relativ gut erhalten.¹¹

Nördliche Westwand

Wiederum als stehende Einzelfigur auf einer Bodenscheibe folgt als Pendant zu Mauritius die Heilige Katharina von Alexandrien mit Rad und wahrscheinlich einem Schwert, ebenfalls von Blatt- und Blütenwerk eingerahmt.¹²

Nordwand, westliche Nische

Vor einer Landschaft mit grüner Wiese hat sich der Rest einer szenischen Darstellung erhalten, die vermutlich den vor einem Kruzifix knienden Kirchenvater Hieronymus als Büßer mit dem zugehörigen Löwen wiedergibt.¹³

Nordwand, östliche Nische

Eine Gartendarstellung, in der sich nahe des oberen Bildrandes die Kuppa eines goldenen Kelchs erhalten hat, verweist auf die hier vermutete Ölbergszene mit Christus im Garten Gethsemane.¹⁴

In allen drei Bogenlaibungen der Nordwandnischen haben sich außerdem Blattranken mit großen Fantasieblüten und Knospen vor weißem Grund erhalten (Abb. 11, 12).¹⁵

Kunsthistorische Einordnung

Während die 1470 geweihte Burgkapelle der bischöflichen Residenz in Ziesar (Brandenburg) architektonisch wohl als Vorbild für Wolmirstedt gelten kann, ist die Ausmalung durch die nachträgliche Veränderung in Ziesar nur wenig vergleichbar.¹⁶
Leider ist die Lesbarkeit der szenischen Darstellungen wie auch der Einzelfiguren zu gering, um hier greifbare Vergleiche anstellen zu können. Wenn auch nicht durchgängig, so scheint doch die Passion Christi das Hauptthema gewesen zu sein, das in mehreren Bildern in Erscheinung trat.¹⁷

Einzig die Rankenmalerei mit Fantasieblüten lässt sich noch gut erkennen. Entsprechende Ranken und Blütenformen finden sich unter anderem in zeitgenössischen Grafiken.¹⁸

Da der Auftraggeber Erzbischof Ernst von Sachsen bei der Ausmalung der Wolmirstedter Schlosskapelle kostbare Farben verwenden ließ, kann man davon ausgehen, dass er sicher auch die besten Maler beschäftigte. So werden die eher statuarisch wirkenden Einzelheiligen, die prächtige Rankenmalerei und die szenischen Darstellungen einst einen imposanten Eindruck beim Betrachter hinterlassen haben. Durch den verwendeten Ziegelstein sowie ihre innen wie außen weiß-rot gestaltete Architekturfassung schließt sich die Kapelle dabei der norddeutschen Backsteinarchitektur an.

Bestand und Maltechnik¹⁹

Zunächst erhielten die bauzeitlichen Architekturoberflächen eine Oberflächenstrukturierung mittels Fugenritzungen. Hiervon blieben alle Formsteinflächen ausgespart. Teilbereiche wie die Bogenlaibungen, aber auch die Wandflächen oberhalb der Türöffnungen und der nördlichen Nischen unterhalb der Empore wurden mit einem Kalkmörtel glatt verputzt. Während die Lisenen, Rippen, Nischen-, Fenster- und Türeinfassungen mit wenigen Ausnahmen in kühlem Rot gefasst wurden, erhielten die übrigen Wandflächen eine Beschichtung mit gelblich weißer Kalktünche (Abb. 13, 14). Die Kapitelle wurden polychrom gestaltet.²⁰

In diese noch frische Kalktünche wurden die Weihekreuze über Ritzungen mit einem Zirkel konstruiert (Abb. 15). Die Binnenfläche wurde Rot gefüllt. Sie wurden bis auf eine Ausnahme über dem südlichen Eingang von der nachfolgenden figürlichen Gestaltung ausgespart oder wurden in diese einbezogen.
Während im Zuge der zweiten Gestaltungsphase die Rankenmalereien und die Ölbergszene direkt auf der bereits bestehenden Kalktünche erstellt wurden, erhielten alle weiteren figürlichen Darstellungen eine rote Grundierung, vermutlich in der Art einer Imprimitur.²¹ Eine hierauf ausgeführte Pinselzeichnung aus lang gezogenen, geschwungenen Linien diente als erste formale Anlage für die spätere bildliche Darstellung (Abb. 16). Letztere weist kaum Abweichungen von diesen Vorgaben auf.²²

Romanowski attestiert den Malereien 2009 eine ehemals starke Lokalfarbigkeit, die auf der Verwendung sehr farbintensiver Pigmente wie Azurit, Malachit, Blei-Zinn-Gelb, Zinnober und Mennige basiere.²³ Darüber hinaus kamen gedecktere Farben durch die Verwendung roter und gelber Ocker, Pflanzenschwarz und Calciumcarbonat als Weißpigment zum Einsatz. Teilweise wurde die Farbwirkung durch Auftrag verschieden farbiger Schichten gesteuert. Plastizitäten wurden durch unterschiedliche grafische und malerische Methoden erzeugt (Abb. 10, 11, 16, 17). Das Bindemittel der Malerei konnte bislang analytisch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Singulär steht der Nachweis eines gewissen Anteils an Protein. Eine Ausführung in Secco-Technik unter Verwendung organischer Bindemittel wie in der Temperamalerei liege laut Romanowski phänomenologisch jedoch nahe.²⁴

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Ansicht auf die südliche Seite der Westwand mit der von Dipl.-Rest. Anja Romanowski 2004 erstellten Umzeichnung (schwarze Konturierung). Dargestellt ist der Heilige Mauritius mit Adlerschild und Fahnenstange

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Westliche Nische der Nordwand, westlicher Abschnitt der Bogenlaibung mit Rankenmalerei und stilisierten Blüten

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Mittleres Joch, Südwand, Fugenritzung

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Mittleres Joch, Nordwand, Nischenlaibung am Übergang von getünchter Steinoberfläche zu getünchter Putzoberfläche

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Ritzungen in der Kalktünche zur Vorbereitung der Weihekreuze unter Zuhilfenahme eines Zirkels, dessen Einstichpunkt noch in der Kreuzmitte ablesbar ist

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Nordwand, westliches Joch mit Nische, Rücklage, figürliche Darstellung auf roter Unterlegung mit schwarzer Vorzeichnung eines Fußes

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Nordwand, westliches Joch mit Nische, Rücklage, figürliche Darstellung auf roter Unterlegung mit schwarzer Vorzeichnung

Zustand

Der Zustand des Kirchenbaus und seiner Architekturfassung ist stark geprägt von der Bau- und Nutzungsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte. Unsachgemäßer Umgang mit dem Bestand und gravierende schadensbegünstigende bauphysikalische Einflüsse haben zu starken Destruktionen und zu großflächigen Totalverlusten geführt. Wesentliche Maßnahmen zur Verbesserung der bauphysikalischen Umgebungsbedingungen sind seit 2004 bereits erfolgt. Die vollständige Konservierung des Wandmalereibestandes steht noch aus (Stand 2019/2020) und ist mittelfristig empfehlenswert. Die Konzeptionierung durch Dipl.-Rest. Anja Romanowski in den Jahren 2004/2005 kann hierfür grundlegend sein. ²⁵

Restaurierungsgeschichte

Um 1845
Erste Bestrebungen zum Erhalt der Architekturfarbigkeit im Zuge von Erhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen am Kirchenbau²⁶

Bis 1856
Vermutlich Freilegung der Wandmalereien²⁷

2002
Notsicherungsmaßnahmen an den Wandmalereien durch die Restauratorengemeinschaft Gramann & Schwieger GbR, Potsdam²⁸

2004
Untersuchung, Dokumentation und Konservierung der Wandmalereien im Zuge der Diplomarbeit von Anja Romanowski an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut, Fachklasse Wandmalerei und Architekturfarbigkeit²⁹

2005
Notsicherung der spätgotischen Wandmalereien und des bauzeitlichen Bestandes an Architekturfassung der zwei westlichen Joche durch Dipl.-Rest. Anja Romanowski³⁰

2006
Restauratorische Befunduntersuchung an der Außenfassade durch Dipl.-Rest. Anja Romanowski³¹